Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 25 (1923-1924)
- Article
- Alt-Kempen
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 112 (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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!§ kritischen Zuhörerschaft entsprochen, wie er aus dem ihm von allen Seiten her zugerufenen Jischarkoach am Ende der anstrengenden Leistung entnehmen durste, so wurden die Erwartungen auf den eigentlichen Chasan zu Muß-af nur um so gespannter. Zur Feier des Tages wurden ihm vier Sänger „Meschorrerim", meist aus Polen oder Littauen, beigegeben, die ihn an einzelnen Gebetstellen unterstützten. Je zwei „Singer", Jünglinge,- ebensoviel „Baß" bildeten diesen Chor. Von einer musikalisch angeordneten Durchführung dieser begleitenden Singstimmen war natürlich keine Rede. Man sang zu Gottes Preis und Ehre und kümmerte sich um die Lehren vom reinen Satze nicht im Allermindesten. Kempen hat Wohl allein unter allen größeren Gemeinden innerhalb des deutschen Sprachgebietes an diesem,, sagen wir, naturalistischen Gottesdienst festgehalten. Am Nachmittage des ersten Rosch-ha-schanah wanderte man scharenweise an den Wassertümpel zum taschlich, um dort die sinnig-symbolische Handlung zu vollziehen, daß die während des verflossenen Jahres begangenen Sünden ins Wasser versenkt sein mögen. Die Stimmung während der beiden Neujahrstage blieb eine festlich zusammengehaltene, ernste. Leicht- . fertige Gespräche vermied man. Das verstieß gegen die Würde des Rosch ha schanah. Die Zwischenzeit bis zum Versöhnungsfeste, die zehn Bußtage, offenbarte schon durchweg den ganzen Charakter der Jomim noro'im. Sehr viele enthielten sich bis zum Mittage jeglicher Speise. Lange vor Sonnenaufgang eilte man zu dem Bußgottesdienste. Je näher zum Jom ha Kippurim, um so brünstiger die Bittgebete um Sündenvergebung. In lautem Schluchzen entlud sich bei dem Einen und dem Anderen der Druck einer geängstigten Seele, eines kummervollen Gemütes. Die halbflügge Jugend war freilich schwer von dieser sich täglich steigernden Bußstimmung sestzubannen. Da brachte ihr 112