Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 25 (1923-1924)
- Article
- Alt-Kempen
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 110 (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3111067-3111116-3118052--6529-3118175- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
und der neunte des Monats Aw, Anfang und Ende der „Drei Wochen" waren strengste Fasttage. Die allgemeine Stimmung blieb eine angemessen zurückgehaltene, die gegen Ende, in den sogenannten „neun Tag" in eine wahre Trauer, wie um einen teuren Dahingeschiedenen überging. Man enthielt sich, wie während der Schiwah, jedes Fleischgenusses. Auch jede geschäftliche Tätigkeit ruhte. Am neunten Tage, am „Tisch'vH b'Aw" legte die Gemeinde tiefste Trauer an. Man vernahm selbst auf der Straße kein lautes Wort. In gebeugter Haltung, wortlos schlichen die sonst übergeschwätzigen Kempner in die jedes Schmuckes entkleidete Synagoge oder ins Beth-ha-midrasch, um die erschütternden Klagelieder Jeremias und die Trauergedichte der späteren Jahrhunderte, namentlich die herrlichen Poesien der unvergleichlichen spanischen Dichter mit tiefster Inbrunst in sich aufzunehmen. Bei einzelnen Klageliedern, den Kinoth, in denen die Todesqualen der Blutzeugen in furchtbarer Anschaulichkeit geschildert werden, erzitterte förmlich das Gotteshaus vor dem Jammergeschrei der um den Fall Zions und des Tempels Trauernden. Kein Auge blieb trocken, sobald die ergreifend-wehmütigen Melismen des „Eli, Zion weoreho" (Wehe um Zion und seine Plätze) oder des „Zion Halo tischali" („fragst Du nicht, Zion") aus dem Munde des Vorbeters erklangen. Indessen gerade diese beiden tiefstempfundenen Trauerdichtungen wurden nicht etwa von dem beamteten Chason, sondern von angesehenen Gemeindemitgliedern vorgetragen, die den Sinn der herrlichen Poesien mit vollstem Verständnis und mit innerster Ergriffenheit wiederzugeben vermochten. Solch ein „Tisch'oh be'Aw"- Gottesdienst mußte auf jedes Gemüt einen erschütternden Eindruck machen. Und noch jetzt nach vielen Jahrzehnten, indem diese Zeilen niedergeschrieben, zittert die wehmütige Erinnerung an solch eine Tisch'oh b'Aw-Feier in der