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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1923-01-01 · 25 (1923-1924) · p. Seite 109

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
25 (1923-1924)
Article
Alt-Kempen
Date
1923-01-01
Page
Seite 109 (sequence 29)
Language
German
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IRI
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noch ganz lebhaft zu entsinnen. Der grauenvolle Eindruck ist mir bis auf diese Stunde unauslöschlich in meiner Erinnerung haften geblieben. Es war der Akt einer gegen einen Toten verübten Lynch-Justiz. Der begleitende „Schandar" war gegenüber der höhnenden Menge völlig machtlos. Er ließ dem grauenvollen Unfug freien Lauf. Der tote Horndrechsler war übrigens ein Junggeselle, er hatte als ein Zugewanderter keine Verwandten in der Gemeinde, sodaß die Trauerwoche nicht in Betracht kam. Die Befriedigung über diesen Glucksfall äußerte sich in der Gemeinde mit einer Rückhaltlosigkeit, die nichts zu wünschen übrig ließ. Was sonst noch bei dieser Beerdigung sich zugetragen haben soll, das zu melden, ja auch nur anzudeuten, sträubt sich die Feder. — * * * Während der Sommermonate zwischen dem Pessachfeste und den Jomim noro'im, den Tagen der Furcht, die ein durch seine drollig-witzigen Einfälle in weiten jüdischen Kreisen bekannter Berliner Schulmann die Herbstparade Seiner Göttlichen Majestät benannte, war im alten Kempen stille Zeit. Es herrschte eine geschäftige Müßigkeit; auch die Religion hatte ihre Ferien. Das Schawuoth-Fest fiel nicht eben sonderlich schwer ins Gewicht. Man beging das Fest der Gesetzgebung auf Sinai mit einer offenkundig zur Schau getragenen Heiterkeit. Sogar die strengen Beobachtungen bei den Speisegesetzen wurden sonderbarer Weise just an diesen beiden Schawuoth-Tagen ein wenig gelockert. Durfte man sich doch schon v i.e r Stunden nach der Mittagsmahlzeit des Genusses von Milchkaffee und leckeren Bobes erfreuen, während sonst die Karenzzeit auf sechs Stunden bemessen war! Wenige Wochen später fielen die Gedenktage der Zerstörung Jerusalems und des zweiten Tempels. Der siebzehnte des Monats Tammus 109

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