Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 25 (1923-1924)
- Article
- Alt-Kempen
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 108 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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oder irrt Beth ha Midrasch veranstaltet^ bei der in einem hesped, einer Trauerrede die Verdienste des Verstorbenen, seine ganze Persönlichkeit ins rechte Licht gestellt wurden. Solch einen hesped hielt keineswegs immer der Rabbiner. Wer von den Freunden des Verstorbenen sich dazu berufen fühlte, wer die Fädigkeit und das Ansehen besaß, um vor die Gemeinde hintreten zu können und wohlgemerkt die Erlaubnis vom Parnaß, vom Vorsteher erhalten hatte, der durfte sich vor den Aron ha Kodesch, vor die heilige Lade stellen und dem Dahingeschiedenen den Nachruf halten. Die heutige Sitte oder vielmehr die heutige Unsitte, bei jeder Beerdigung durch den Rabbiner eine Grabrede halten zu lassen, sobald nur die Sporteln erlegt werden, war im alten Kempen wie auch in den übrigen nach altem Brauche sich führenden Gemeinden ganz unbekannt. Daß während der Trauerwoche im Hause der betreffenden Familie früh und abends die üblichen Gebete verrichtet, daß dabei von Einzelnen der Besucher einige Mischnah- Abschnitte gelesen wurden, daß für die leiblichen Bedürfnisse der Trauernden selbst während der Schiwah reichlich von Verwandten und Freunden gesorgt wurde, bedarf keiner ausdrücklichen Erwähnung. Das war ja eine Pflicht, die sich von selbst verstand. Soviel Zartsinn sich in all diesen Verrichtungen bekundete, so furchtbar entlud sich der Zorn der Gemeinde, sobald ein offenkundiger Bösewicht zu Grabe getragen wurde. Als ein solcher galt namentlich der „Mussor", der Angeber, der Denunziant. Ein derartiger Mensch wurde schon im gewöhnlichen Verkehr gemieden, er wurde niemals zur Tora-Vorlesung ausgerufen; er gehörte zu keiner chewrah. Er wurde, um einen zeitgenössischen Ausdruck zu gebrauchen, nach allen Regeln der Kunst gesellschaftlich boykottiert. Der Beerdigung solch eines von der ganzen Gemeinde Geächteten — seines Zeichens ein Horndrechsler — weiß ich mich aus meiner frühesten Jugend 108