Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 25 (1923-1924)
- Article
- Alt-Kempen
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 103 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/3111067-3111116-3118052--6522-3118168- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ehepaar; Mann und Frau gingen jedoch nicht Arm in Arm, sondern nebeneinander zur Tafel. Dann folgten ebenso die nächsten Angehörigen, hierauf Rabbiner und Vorbeter, die stets bei den Hochzeitsmählern der Angesehenen in der Gemeinde zugegen waren, und hieraus die übrigen Geladenen. An Rangstreitigkeiten über die Verteilung der Plätze fehlte es natürlich bei diesen Gelegenheiten ebensowenig wie an den Tafeln der Großen und Größten dieser Erde. Nur pflegten in Alt-Kempen die hieraus sich ergebenden Schwierigkeiten auf eine viel weniger umständliche Weise behoben zu werden, als etwa im Berliner Schloß. „As Reb Herzele nischt will sitzen an d em Platz neben seiner Jschoh (Frau) brauch er garnischt zu sitzen." Gegen eine derartig bündige Logik gab es kein Ausweichen. Auch diese Wogen glätteten sich allmählich, und der Vorbeter konnte dann endlich mit dem Segensspruch über die Hochzeitschalle, einem Meisterwerk jüdischer Backkunst, die Mahlzeit als eröffnet erklären. Das blendend weiße Gebäck wurde in Scheiben geschnitten an die Gäste verteilt. Von der Güte dieses gebackenen Hors d’ cenvre hing das Urteil der tonangebenden Kennerin über die zu erwartenden Tafelgenüsse nicht unwesentlich ab. Für Unterhaltung sorgte der „Marschalek" durch allerhand „Muschelcher" (Schnurren), die er meistenteils aus dem Munde des Dubnower oder des Korzenitzer. Maggid, zweier zu jener Zeit als besonders witzige Kanzelredner bekannter Wanderprediger, gehört haben wollte. Brachte jedoch der „Marschalek" gar zu oft gehörte Späße vor, dann wurde seitens der Zuhörerschaft nicht mit höhnenden Bemerkungen zurückgehalten. Das aber gab den Tischgesprächen nur eine um so schärfere Würze und erhielt die Geister in heiterer Stimmung. Sobald indessen der „Marschalek" seine Stimme zum „Ausrufen" der Geschenke erhob) gebot ein durchdringend 103