Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 25 (1923-1924)
- Article
- Alt-Kempen
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 102 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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kann mich nur des Bellinischen Norma-MarscheK entsinnen, als des ausschließlichen Chuppe-Marsches. War dann der Ehekontrakt, „die Verschreibung"' (Kessubah) in aramäischer Sprache durch den Rabbinerverlesen, die sonst vorgeschriebenen religiösen Gebräuche erfüllt, der Ring von dem Bräutigam an den Ringfinger der Braut gesteckt, die herkömmlichen Hochzeitslieder durch den Vorbeter gesungen, ein Glas zerschlagen, dann wurden Braut und Bräutigam unter Strömen, von Tränen allseitig beglückwünscht. Den religiösem Anforderungen war nunmehr Genüge getan, und die Hochzeitsgäste verfügten sich hierauf, der guten Dinge entgegenharrend, die ihnen an der Tafel dargeboteu werden sollten, in den Festsaal. Zunächst wurden sie mit Kaffee, ausgezeichneten Kuchenarten — ein besondersleckeres Gebäck hieß „Portugieser" — und Schnäpsen bewirtet. Da sich der Aulom (le monde, die Gesellschaft) für die Hochzeit.gehörig vorbereitet, das heißt hungrig gehalten hatte, so wurde dem dargereichten Imbiß tüchtig zugesprochen. Bis zur eigentlichen Hochzeitstafel ergingen sich die Gäste in freier Unterhaltung, die sich zumeist auf den „Staat" der , Braut und der nächsten weiblichen-Anverwandten bezog. Auch hierbei ließen sich die Zungen in ihrer Freiheit keinerlei Schranken auferlegen. An Krimhilden und- Brunhilden, hat es in Alt-Kempen eben auch nicht gefehlt, und einmal herausgefordert, konnten sie einander „schelten", wie jene unsterblichen Königinnen in den Nibelungen. Allerdings fuhren sie gegeneinander nur auf „jüddisch" los. Der Zank der Weiber hatte denn, auch keine so entsetzlichen Nach Wirkungen^ und noch bevor man zur Tafel ging, war aller Zorn längst wieder verflogen. Sobald die sehnlichst erwünschte Essenszeit herangekommen, rief der „Marschalek" unterallerhand spaßhaften Redensarten die.Gäste in den Festsaal. Den Vortritt hatte naturgemäß das junge: