Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 25 (1923-1924)
- Article
- Alt-Kempen
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 98 (sequence 18)
- Language
- German
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nicht den mindesten Abbruch, wenn sich zuweilen ein benachbarter polnischer Gutsbesitzer bei einem befreundetenKempner Kaufmann während der Zwischenseiertage einfand, um sich an solch einem jüdisch-polnischen Borscht und einem Glase vHAisrsKio vlao (Ungarwein) gütlich zu tun. Solchen österlichen Luxus konnten sich freilich nur die Wohlhabenden erlauben. Die Aermeren behalfen sich mit Rosinenwein, zu dessen Anfertigung schon einige Wochen vorher die für die Pesfachwoche eigens zubereiteten Traubenrosinen in Wasser „angestellt" wurden. Neben dem herrlich duftenden Üngarwein und dem eben genannten Ersatz-Getränk kam zuweilen noch ein drittes auf den Pessach-Tisch, nämlich der Meth. Während jedoch die beiden erstgenannten an den beiden Seder- Abenden vorschriftsmäßig benutzt werden durften, war der'Meth dieser hohen Ehre nicht teilhaftig geworden. Zu den an jeden Seder-Abenden vorgeschriebenen „vier Bechern" durfte eben nur ein aus Trauben hergestelltes Getränk benutzt werden. Meth ist aber bekanntlich ein mittelbares Bienenerzeugnis. Für die acht Pessachtage waren so viele Vorräte an Eßwaren jeglicher Art herangeschafft worden, daß kein einziges Gemeindemitglied Not zu leiden brauchte. Reichten in einzelnen Fällen die Mittel nicht zu, dann half eben die Gemeinde aus. Das waren jedoch keine Almosenspenden im gewöhnlichen Sinne. Der Notdürftige brauchte diese Peffachbeihilfe^ aus öffentlichen Mitteln nicht erst bittstellig zu fordern. Es war vielmehr selbstverständlich, daß sie ihm dargeboten wurde. An dem Pessachfeste, der Erinnerungszeit an „unsere Befreiung" sollte auch jeder Jude sich befreit fühlen von aller Sorge um den Lebensunterhalt. Die Gemeindebeamten, die Privatlehrer erhielten für den Monat Nissan — auch für Tischri — die doppelte Löhnung. Dem Rabbiner, den Mitgliedern des Beth-Din, dem Vorbeter wurde ein Ehrengeld für die