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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1923-01-01 · 25 (1923-1924) · p. Seite 87

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
25 (1923-1924)
Article
Alt-Kempen
Date
1923-01-01
Page
Seite 87 (sequence 7)
Language
German
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IRI
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an der Morgenwand der Synagoge war entfernt worden, diese selbst nur ganz spärlich durch ein Licht am Betpult nicht sowohl erhellt, als vielmehr wie gespenstisch verhüllt- Die Gebete wurden mehr geflüstert, als vernehmlich gesprochen. Wortlos betraten die Beter die geheiligte Stätte, die sie ebenso wortlos verließen. Die unheimliche Stille der sonst so geschwätzigen Versammlung wirkte unheimlich ergreifend. Die ganze Gemeinde war in wirklicher, tiefempfundener Trauer. Und noch eines dritten Erlebnisses sei schließlich hier gedacht, nämlich einer Chaliza - Zeremonie, die sich in der Synagoge an einem Spätnachmittag zur Sommerszeit abspielte. Das Gotteshaus war so gestopft voll von Neugierigen jeden Standes, jeden Geschlechtes, jeden Alters, daß der bekannte Apfel nicht zur Erde hätte fallen können. Bei dieser Gelegenheit kam es so recht deutlich zu Tage, daß dieser ganze bizarre Hergang sich nur als der Ausdruck einer Art Volksjustiz begreifen und würdigen läßt. Der Anruf der kinderlosen Schwägerin an den ihr die Ehe versagenden Schwager, das Ausziehen des Schuhes, das Hineinspeien als Zeichen der Verachtung — all das wirkte wie ein Akt volkstümlichen Rechtsspruches, aber auch wie ein Volksschauspiel, das seiner Seltenheit und seiner Seltsamkeit wegen den allgemeinen Gesprächsstoff für lange Zeit, namentlich für die Winterabende hergeben mußte. Nach diesen Abschweifungen nehmen wir den abgerissenen Faden unserer Erzählung wieder aus. Kempen war ausschließlich eine Handelsstadt. Eine Jeschiwah, das heißt eine talmudische Lehrstätte hat es niemals gehabt, obgleich einzelne seiner Rabbiner sich weit und breit eines hohen Ruhmes als scharfsinnige Talmudisten erfreuten. Auch fehlte >s unter den Gemeindemktgliedern nicht an tüchtigen Gelehrten und Schriftkundigen, die im Beth ha Midrasch ihren rabbinischen Studien eifrig oblagen. Hier waren auch 87

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