Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 25 (1923-1924)
- Article
- Alt-Kempen
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 84 (sequence 4)
- Language
- German
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Mut fassen ließ. Wohl hatte man zur Zeit der höchsten Bedrohnis reitende Boten nach der nächst gelegenen Kreisstadt Schildberg, nach dem schlesischen Wartenberg entsandt. „Kempen brennt", „helft", „rettet". Allein Lei der Wege-Armut jener Gegenden wäre die Hilfe viel zu spät eingetroffen, selbst wenn es an tauglichen Feuerlöschwerkzeugen nicht gefehlt hätte. Gute Verbindungen zwischen den einzelnen Städten in der Provinz Posen gab es zu jener Zeit überhaupt nicht. An Eisenbahnen, an Telegraphen kein Gedanke; nicht einmal an optische Telegraphen! Jede Stadt lebte itt. fast völliger Abgeschlossenheit nur so für sich hin. Auf der Chaussee nach Wartenberg und nach Oels verkehrte täglich ein Postwagen; nach der schlesischen Hauptstadt ging zweimal wöchentlich ein solcher ab. Nachrichten vermochten also nur sehr mühselig und sehr langsam dorthin und zurückzugelangen. Kein Wunder daher, daß die Kunde von dem Kempner Brandunglück erst nach vielen Tagen sich über die allernächste Umgebung verbreiten konnte. Das sind doch Zustände, von denen man sich in unserer Gegenwart kaum einen Begriff machen kann. Und noch viele, viele Jahre nach diesem Brande blieb es im Großen und Ganzen bei dieser traurigen Beschaffenheit der Verbindungslosigkeit. Es hat noch Jahrzehnte gedauert, bevor es nach vielen Mühen gelang, für Kempen einen Bahnanschluß zu gewinnen. So war ihmtrotz seiner unverkennbar günstigen geographischen Lage jede Entwicklungsmöglichkeit abgeschnitten. Das Städtchen war vielmehr dazu ausersehen, zu bleiben wie und was es war. Der Eindruck dieses furchtbaren Ereignisfes haftete noch viele Jahre in den Gemütern mit unverminderter Stärke, ebenso wie der Verdacht einer Brandstiftung gegen eine bestimmte Persönlichkeit sich immer wieder richtete, ja sogar zuweilen sich in nicht mißzudeutenden Anspielungen kundgab. Der Betreffende fand sich 84