Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 25 (1923-1924)
- Article
- Haym Steinthal
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 78 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Gespräch über gewöhnliche, nicht wissenschaftliche Dinge oder über persönliche Angelegenheiten?' anzuknüpfen und fortzuführen, bereitete ihm oft sichtlich Mühe. Es lag etwas Rührendes, aber zugleich Ehrfurchtgebietendes in seinem Wesen. Jeder, der ihm nahte, empfand dies, hatte das Gefühl, als müßte er sich jeder irgend unedlen, unreinen Empfindung schämen. Wer einen verstehenden Blick in seine lautere Seele getan, der ging nicht ungeläutert von dannen, und wer ihm zu Füßen gesessen und seine Seele erfaßt und begriffen hatte, dem war das ein idealer Gewinn für das ganze Leben. . Steinthal hatte auch außerhalb des Judentums so manchen Jünger, der mit tiefster Beehrung zu ihm aufblickte. Friedrich Paulsen, der bekannte Pädagoge und Philosoph der Berliner Universität, der Professor der Oberlehrer, wie er vielfach genannt wurde, hat nach seinem eigenen Bekenntnis als Student erst durch Steinthal Halt, zielsicheres Streben und eine ideale Lebensrichtung gewonnen, und Gustav Glogau, später ord. Professor der Philosophie an der Universität in Kiel. Sohn eines Superintendenten und Sproß theologischer Ahnen durch sieben Geschlechter, übrigens selber eine Lichtgestalt und tief religiös, nannte immer wieder den Tag, an dem er Steinthal zum ersten Male sah und hörte, seinen geistigen Geburtstag und stand Zeit seines Lebens zu unserm Steinthal, den er fast wie einen Heiligen verehrte, nicht anders wie ein Sohn zu seinem Vater. Als die Hochschule für die Wissenschaft des Judentums 1897 ihr 25 jähriges Jubiläum feierte, hielt Steinthal, als der einzig Ueberlebende unter den bei der Begründung an die Anstalt berufenen Dozenten die Festrede. Dem Festkommers jedoch blieb er fern, weil , er wegen seines Alters bereits der Schonung bedurfte. Damals toastete der als Kurator um die Hochschule 78