Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 25 (1923-1924)
- Article
- Haym Steinthal
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 77 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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Gänzlich falsch, aber wäre es, wenn jemand glaubte, die Religion km sich abtun zu dürfen, weil sie mißbräuchlich aufgefaßt werde oder gar' zu bösen Verirrungen und zu Wahnglauben führe. Wer so denkt, begeht einen theoretischen Fehler, der ihm auch praktisch schaden wird. Die Religion ist eine natürliche Funktion des menschlichen Geistes, so innerlich notwendig, daß ihre Ausschaltung unausweichlich zu schlimmen Folgen führen muß. Die Religion ist ewig, sie ist das Allermenschlichste, sie ist des Menschen wahres, höchstes Heiligtum. Dies sind die religionsphilosophischen Grundanschauungen Steinthals. Wir haben sie hier, wenn auch nur in aller Kürze, entwickelt, weil sie den Mann selbst besser als alles andere charakterisieren. Es gibt Denker, deren persönliches Wesen sich nicht ohne weiteres ans ihren Gedanken und Werken erkennen läßt. Steinthal aber enthüllt in seinen religiösethischen Gedanken im Grunde nur sich selbst, sein eigenes, innerstes Wesen. Einfach, schlicht, rein, erhaben sind seine Anschauungen, und schlicht, erhaben gestimmt und von kindlich reinem Gemüte war er selber. Dazu trat bei ihm, unbeschadet der Entschiedenheit und Innigkeit seines Glaubens an den Sieg des Guten, eine gewisse Wehmut, die der Abstand von Wirklichkeit und Ideal in ihm hervorgerufen haben mag. Steinthal selbst bezeichnet zwar in seinem Vortrag über „Heiterkeit und Wehmut" die letztere als den hervorstechenden Gemütszug des höheren Alters; und ein Greis war er. bereits, als ich zu seinen Füßen sitzen durfte. Aber ich glaube, diese Wehmut muß ihm schön früher eigen gewesen sein, sie war eine Folge seiner so ganz und gar ideal gerichteten Natur. Alles bloß Materielle schien chm unendlich fern zu liegen, dem Leben des Alltags und seinen praktischen Aufgaben gegenüber konnte er fast hilflos erscheinen. Ein leichtes 77