Mannheim
Compact Memory

Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1923-01-01 · 25 (1923-1924) · p. Seite 76

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
25 (1923-1924)
Article
Haym Steinthal
Date
1923-01-01
Page
Seite 76 (sequence 15)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3111067-3111116-3118051--6494-3118141
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

und im Leben der Völker. Wo bleibt da oft die Gerechtigkeit, die wir glauben voraussetzen und erwarten zu dürfen? Oder, und das ist das Traurigste, der Mensch blickt in sich und erkennt sich als höchst mangelhaft, vielleicht gar als schuldig; die Reue quält ihn. Wenn nun all dies auf seine Seele drückt, daun ersaßt die Sehnsucht nach Erhebung zum Unendlichen sein Gemüt, und das ist die andere Seite der Religion. Hier handelt es sich nicht um die Seeligkeit des Erhabenseins, hier ergreift uns die Sehnsucht und das Streben nach Erhobenwerden, nach. Erhebung über den Druck des Endlichen, nach Befreiung von allen zwängenden und einengenden Schranken. Religion ist also, ganz allgemein ausgedrückt, Erkenntnis und Gefühl des Unendlichen. Die Religion als solche hängt weder mit irgend welchen geschichtlichen Annahmen, kosmischen Vorstellungen, noch auch notwendig mit zeremoniellen Handlungen zusammen. Es ist daher ein Irrtum, zu glauben, wenn uns die Wissenschaft zwingt, mythische Vorstellungen, die sich auch noch im Monotheismus finden, aufzugeben, daß damit auch die Religion irgendwie getroffen wäre. Und ebenso falsch wäre es, die Kraft und Tiefe der Religiosität etwa an der Menge zeremonieller Uebungen messen zu wollen, ganz so falsch, wie wenn man sie an der Fülle und an dem Reichtum von Mythen messen wollte. Im Wesen der Religion liegt vielmehr nur zweierlei: Erhebung zur vollkommenen Gottheit und Streben aus der Bedrücktheit zur beseligenden Höhe. Wer daher verkennt, daß der Mensch nur durch klare Erkenntnis, sittliche Arbeit und Pflege des wahrhaft Schönen Beseligung erlangen könne, wer da glaubt, davon absehen zu dürfen, und dann fragt: wie komme ich zu Gott? der ist schon in Blindheit und Wüste. Wer Gott nicht in sich selber fühlt, der wird ihn nicht erjagen. 76

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.