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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1923-01-01 · 25 (1923-1924) · p. Seite 75

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
25 (1923-1924)
Article
Haym Steinthal
Date
1923-01-01
Page
Seite 75 (sequence 14)
Language
German
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für die Gottheit und alles, das mehr oder weniger vollkommen das Göttliche zur Darstellung bringt. Die Gottheit ist das, was wir als Höchstes, als das unendlich Vollkommene verehren. Alles Endliche und also auch wir selbst sind vom unendlichen Gott abhängig, erhalten vom ihm recht eigentlich Dasein und Wert. Diese Abhängigkeit drückt uns nicht' nieder. Im Gegenteil! Indem wir uns im Aufblick zum Großen klein erkennen, erfassen.wir zugleich das Große, schwingen uns zu ihm hinauffühlen wir uns Über alles Kleine erhaben, über unsere eigene Kleinheit hinausgetragen. So wirkt alles Edle erhaben, weil es uns Über alles Gemeine emporhebt. Religiös sein heißt demnach, im Angesicht der erhabenen Gottheit sich über alles Kleine und Niedrige emporschwingen, sich von allen gemeinen Banden befreien, erhaben, ideal gestimmt sein. Diese Stimmung ist Seligkeit. Aus solcher Stimmung, aus solcher Religiosität strömt die Lust an den Entdeckungen der Wissenschaft, die uns zum Unendlichen hinführt, aus ihr die Lust am sittlich Guten, das uns mit dem Unendlichen am Wesenhaftesten verbindet, aus ihr endlich auch die Lust am Schönen, das uns den Glanz und den Reiz des Unendlichen fühlen läßt. Doch das ist nur der eine Ausgangspunkt und die eine Form der Religion. Der andere Ausgangspunkt liegt darin, daß der Mensch sich in seiner Endlichkeit oft gedrückt fühlt. Es fehlt ihm, was ihm als sehr wünschenswert, sogar notwendig erscheint, und seine Kraft reicht nicht aus, das Ersehnte zu erlangen. Er verliert, was ihm kostbarster Besitz war, und er kann es nie wieder erlangen. Nicht selten tritt ihm die menschliche Schwäche, Ohnmacht, Hinfälligkeit, ja völlige Nichtigkeit vor Augen Die Natur erscheint ihm nicht immer mild und gütig, sondern oft auch furchtbar und schrecklich. Oder wir blicken auf das menschliche Treiben, auf die menschlichen Schicksale im Leben des Einzelnen 75

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