Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 25 (1923-1924)
- Article
- Haym Steinthal
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 73 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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die Gewalt, welche diese auf das Gemüt übt, kennen lernen will — eine Einfachheit, welche groß ist, an einer Größe, welche einfach ist: der lese die Bibel!" Steinthal hat den Begriff des Erhabenen recht eigentlich an der Bibel erfassen und verstehen gelernt, und er ist fest davon überzeugt, daß dieser Begriff nur hier vollständig und richtig zu gewinnen ist. Das Erhabene, so urteilt er, offenbart in der Bibel seinen eigentlichen Quell, bricht in ihr am reichsten und reinsten hervor und ergießt sich hier in den mannigfachsten Richtungen. Darum trägt er kein Bedenken, es auszusprechen: „Die Aesthetiker, welche von der Erhabenheit in der Poesie gesprochen haben, ohne die Propheten und Psalmen zu kennen, haben etwas erörtert, dessen volle Macht sie nie erfahren haben." Zusammenfassend urteilt er einmal, die ästhetische Seite der Bibel betreffend, wenn er in ästhetischen Dingen klarer zu sehen glaube, als mancher Aesthetiker, so verdanke er dies vor allem Goethe und der Bibel. Steinihal, der an der Berliner Universität einen Lehrauftrag für allgemeine Sprachwissenschaft hatte, hielt an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin nicht nur Vorlesungen über alttestamentliche Wissenschaft, sondern auch über Ethik, Religionsphilosophie und Religionsgeschichte. Seine Grundanschauungen auf religionsphilosophischem Gebiete sind ein reiner Spiegel seines eigenen Wesens, ein Ausdruck nicht nur seiner Erkenntnis, sondern weit mehr noch seines ideal gerichteten Willens, seines Herzens. Da sie solchermaßen als seine beste Charakteristik erscheinen, wollen wir sie uns zur Abrundung seines Bildes noch ganz kurz vorführen. Religion, so sagt Steinthal, ist eine Erkenntnis und Gefühlsart, welche so gut wie die Sprache oder gewisse gesellschaftliche Einrichtungen, mit der menschlichen Natur verbunden ist. Es gab und gibt kein