Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 25 (1923-1924)
- Article
- Die Wirtschaftsethik der israelitischen Propheten
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 33 (sequence 2)
- Language
- German
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in durchaus sachlicher Weise auf die Mängel des Sombartschen Buches hingewiesen und vor allem das leichtfertige Umgehen Sombarts mit den überlieferten religiösen Texten gerügt. Da wird — übrigens eine weitverbreitete Unart — irgend eine Stelle des Alten Testaments oder der talmudischen Literatur aus dem Zusammenhang herausgerissen und den eigenen Wünschen entsprechend interpretiert; öderes wird ein Psalmvers zitiert, der die Furcht des Menschen vor Gott zum Ausdruck bringt, während zahlreiche andere Verse desselben Psalmes, deren Grundton auf Liebe, Vertrauen, Erbarmen gestimmt ist, einfach totgeschwiegen werden. Oft entstehen arge Mißverständnisse des Textes durch Zugrundelegung von Uebersetzungen, die den Sinn der Stelle garnicht treffen, oder es kommt sogar vor, daß Sombart den Text verändert, ihm selbst erfundene Zusätze anflickt, um bei den jüdischen Frommen „rechenhafte Gemütsverfassung" bis in die subtilsten Regungen der Seele hinein nachzuweisen. Aber ganz abgesehen von dieser unwissenschaftlichen Behandlung der literarischen Quellen vermißt man bei Sombart jedes tiefere Verständnis für das Problem, wie religiöses Leben entsteht und das einmal entstandene sich auswirkt. Bedauerlicherweise verknüpft er mit dem Namen Esra die längst überwundenen Vorstellungen von Erstarrung der Religion in kleinlicher Gesetzeserfüllung und spitzfindiger Kasuistik. Ein dichter Schleier von Vorurteil und Unwissenheit hindert ihn an freiem Ausblick in das intensive religiöse Leben jener Zeit mit seinen imponierenden Persönlichkeiten. Mit Recht erwähnt Eschelbacher das hinreißende Bußgebet Esras (Esra 9, 2 ff.); und wer könnte wohl ohne innere Bewegung den autobiographischen Bericht seines Genossen und Mitarbeiters Nehemia lesen (Neh. 2, 11 ff), wie er in einsamer Nacht die Mauern Jerusalems umreitet, um ihren Zustand zu prüfen und Pläne zu schmieden für Jahrbuch 1923 3 83