Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 25 (1923-1924)
- Article
- Buddha und Moses
- Date
- 1923-01-01
- Page
- Seite 26 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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werden; „ihr wisset, wie dem Fremden zumute ist, denn ihr wäret selbst Fremde in Aegypten". Der gepfändete Mantel soll dem Schuldner vor Sonnenuntergang zurückgegeben werden, „denn er hat nichts anderes als den Mantel, . . . . worauf soll er denn schlafen?" Nietzsche rühmt das Herrenvolk der Römer mit seiner Herrenmoral, das jüdische Mitleid mit dem Schwachen heißt er die Sklavenmoral. Wir schämen uns dieser Moral nicht. Das Mitleid mit dem Schwachen ist das Leitmotiv der jüdischen Ethik und ist eine Tugend des jüdischen Stammes geworden. Die Forderung des Mitleids aber ging zuerst von Mose aus. Buddha und Moses sind in gleichem Maße Propheten des Mitleids. Aber hinter der Mitleidsmoral Buddhas steht der Geist resignierter Weltverneinung und nimmt ihr die Freudigkeit und die Kraft. Die Lehre des Mose aber wird vom Geiste froher Lebensbejahung getragen: Hilf dem Leidenden zum Leben, denn du hilfst ihm zu seinem Glücke! Aus dem Palast seines Vaters trat Buddha in das Leben. Er sah die Leiden der Menschen und wurde ein Bettelmönch und ein Einsiedler. Als Mose groß geworden war, ging er aus dem Königspalaste zu seinen Brüdern hinaus. Er sah die Leiden seines Volkes, aber in ihm reifte der Entschluß, nicht ein Bettelmönch und ein Einsiedler zu werden, sondern ein Befreier des leidenden Volkes und sein Wegweiser zum Licht. Auch Mose sah die Leiden der Menschen. Trotzdem bleibt der Grunhton seiner Verkündigung: Wähle das Leben! Mose gebietet: Ehre Vater und Mutter, auf daß du lange lebest. Das Leben an sich ist ein Glück, und ein langes Leben bleibt eine Gnade von Gott. Aus der Bejahung des Lebens folgt bei Mose die Heiligung der Familie. Im Zehnwort vom Sinai