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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1921-01-01 · 24 (1921-1922) · p. Seite 127

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
24 (1921-1922)
Article
Adolf Zellinek
Date
1921-01-01
Page
Seite 127 (sequence 6)
Language
German
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IRI
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— 127 — von Andächtigen füllen die Vorhöfe, die Arkaden, die Gallerten und lauschen in lautloser Stille auf jedes Wort, jede Bewegung der heiligen Handlung, die sich als ein symbolisches Drama auf der obersten Tempelterrasse vollzieht. Der Hohepriester hat eben das Sündenbekenntnis für den Priesterstamm abgelegt und schreitet nun nach Osten zum Volksopfer. Hier stehen zwei Opfertiere von gleichem Wuchs, von gleicher Farbe, von gleichem Wert, aber von entgegengesetzter Bestimmung. Der Hohepriester tritt zwischen sie und zieht aus einer Urne zwei Lose; das mit der rechten Hand gezogene legt er auf das ihm rechts stehende Tier, das mit der Linken gezogene auf das links stehende Tier. Auf dem einen las man: „lar •Adonai“ (für Gott, den Ewigen) und auf dem andern: „1a Asasel“ (für das Dunkle, Böse). .In Asasel findet der Redner mit dem Recht des Midrasch die Gestalt des dein späteren Judentum so vertraut gewordenen Jezer hara, des Triebs zum Bösen, symbolisiert. In des Menschen eigener Brust „da ruht etwas, was zu Adonai, und etwas, was zu Asasel dich hinzieht, der Trieb zum Guten wie zum Bösen, oder wie die Alten sich ausdrücken, der Jezer tow und der Jezer hara; beide sind anfangs ganz einander gleich, erscheinen in derselben Gestalt, reden dieselbe Sprache usw." Nun setzt das Thema der Predigt ein, mit einem Spruch aus den Pirke Aboth, Kap. II. „Kurz ist der Tag, groß die Arbeit, träge die Arbeiter, reich der Lohn." So spricht der gute Geist, der Jezer tow, und ebenso der böse Geist, der Jezer hara; jedoch in den Folgerungen, die daraus zu ziehen sind, schlagen sie entgegengesetzte Wege ein. Der Jezer hara spricht: Kurz ist das Leben, darum genieße es. Dagegen der gute Geist: Darum wende jede Stunde für Gott an; der Jezer hara behauptet: Groß ist die Arbeit, darum kannst, du sie nicht vollbringen, der gute Geist dagegen: Versuche es mit Gott, er wird dich stärken; der Jezer hara weist dich auf die Arbeiter hin: Die Arbeiter sind träge, willst du es anders halten? Der gute Geist dagegen: gerade darum ist um so dringender deine von Gott dir gegebene Pfiicht, daß du arbeitest; der Jezer

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