Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 24 (1921-1922)
- Article
- Dante und Manoello
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 116 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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- 116 — überhaupt der erste Platz. In seinen Liebesliedern folgt Immanuel in der Regel der überlieferten Rhetorik -feiner spanischen Vorgänger, er singt von einer leichten sorglosen Liebe, die sehr rasch entbrennt und noch rascher verlöscht, die sich über den Bereich der Sinnlichkeit wenig erhebt. Mitunter aber hat er Verse ganz anderen Klanges, in denen die Liebe idealisiert, die geliebte Frau nicht als irdisches Wesen, sondern als ein Engel Gottes dargestellt ist und der Dichter sich zu jener geistigen Auffassung erhebt, die ganz besonders für die Schule des „dolce stil nuovo", zu der Dante gehört, charakteristisch ist. Immanuel hat sich ihre Begriffe und ihren Wortschatz angeeignet und wörtlich aus dem Italienischen ins Hebräische übertragen. Das geschieht in erster Reihe in seinen Sonetten, eine metrische Kunstform, die Immanuel als erster in die hebräische Literatur eingeführt hat und die bei ihm in ebenso hybrider Form auftritt wie der in ihr dargelegte Inhalt. Er verwendet nämlich vierzehn Verse, die nach der arabisch-hebräischen Metrik gebildet sind, in einem Metrum, dessen Harmonie auf den italienischen Elfsilber zugeschnitten ist, und verbindet sie durch den Reim in zwei Strophen zu vier und zwei zu drei Zeilen gemäß der Weise des italienischen Sonetts; er stellt auf diesem Wege ein Ganzes her, das in seiner metrischen Einheit, dem Vers, hebräisch ist, aber in der Verbindung der einzelnen Einheiten zum Ganzen italienisch bleibt. Genau so ist seine Dichtung in der Sprache hebräisch, aber in den Gedanken und der Ausdrucksweise italienisch. Die italienischen Dichter des „dolce stil nuovo" pflegen, wie oben erwähnt, die Liebe mit einem mystischen Schleier des Idealen zu umhüllen, sie stellen das geliebte Weib als Engel, als himmlische Schöpfung, als ein übermenschliches Werk Gottes dar. Erinnern wir uns beispielsweise an Dantes Worte: „Es scheint, daß sie vom Himmel zur Erde herabgestiegen ist, um Wunder aufzuzeigen" (Vits, nova, XXVI) oder an Cino daPistoiasr „Wie konnte von menschlicher Natur der Welt eine so schöne Schöpfung erstehn, wie Ihr seid? Ihr macht mich