Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 24 (1921-1922)
- Article
- Dante und Manoello
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 106 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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106 Phantasie einen gewaltigen originalen Gedanken zu fassen. Alle wesentlichen Eleniente seiner Dichtung müssen entlehnt sein. Während nun die jüdische Eschatologie für viele Einzelheiten in der phantastischen Vision Immanuels die Quelle bietet, reicht sie nicht aus, um uns den Weg zu zeigen^ auf dem er zu dem Grundgedanken seiner Dichtung unb zur Bestimmung der Mehrzahl der Einzelheiten gelangte. Demnach muß Immanuel ein anderes Muster Vorgelegen haben, dem er sich anschloß, eine andere Quelle aus der er häufig schöpfte. Darf man behaupten, daß dieses andere Muster und diese andere Quelle in Dantes „Göttlicher Komödie" vorliegen? Sicherlich ist Dantes Dichtung Immanuel nicht unbekannt geblieben, denn wir wissen auch sonst, daß er reiche und sichere Kunde vom geistigen Leben des zeitgenössischen Italien besaß. Sieht man von der traurigen und finstern Zeit der Einschließung in das- Ghetto ab. so haben die Juden Italiens stets am geistigen Leben ihrer Umgebung teilgenommen; mit einer bewundernswerten Energie taten sie das während der Renaissance, aber auch schon früher ist ihre aktive Rolle durchaus sicher. Besonders ein Mann wie Immanuel, der Freund von Cino da Pistoia und Bosone da Gubbio, der selbst italienische Verse machte, mußte unbedingt mit der italienischen Literatur sich innig vertraut halten, und wir merken häufig genug — und werden das später noch hervorheben — einen überraschenden Widerhall der italienischen Dichtung, auch der Liebes- und Unterhaltungslieder, durch den ganzen Komplex der „Mechabberoth" hindurch. Wenn er nun in einer Zeit, die sicherlich der Abfassung von Dantes „Göttlicher Komödie" folgt, sich dazu entschloß, eine Vision ähnlichen Jnhvlt auszuarbeiten, so kann kein Zweifel darüber bestehen, daß der Gedanke in ihm durch das unsterbliche italienische Muster angeregt: wurde und daß während der künstlerischen Verarbeitung die Erinnerung an sein Vorbild ihm ununterbrochen vor Augen schwebte. Prüft man Immanuels Dichtung im einzelnen, so erkennt man von einem Ende zum andern die ständige Abhängigkeit von Dante.