Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 24 (1921-1922)
- Article
- Dante und Manoello
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 96 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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96 Aus alledem kann man sicher keinen Beweis für eine Freundschaft Immanuels mit Dante entnehmen. Wollte man die Gedichte so auslegen, so müßte der Ausdruck vom individuellen Verlust als Anspielung auf den Tod Dantes genommen werden, der dann als persönliche Trauer Immanuels bezeichnet wäre. Diese Auslegung jedoch erscheint, wie gesagt, aus inneren Gründen unannehmbar. Der andere Ausweg, im dritten Vers von Bosones Sonett „mia“ mit „tua“ zu vertauschen, der vielfach gewählt worden ist, beruht unbedingt auf einem Irrtum; denn dann bliebe die Beziehung des Wortes „Ina" im fünften Vers völlig unerklärlich, während man es gut versteht, wenn es dem „mente mia“ des dritten Verses gegenübergestellt ist. Hält, man den richtigen Text und die richtige Auslegung fest, so bieten die Sonette keinen Beweis für die so oft behauptete Freundschaft. Nach meinem Dafürhalten muß män vielmehr das Gegenteil schließen, daß nämlich nicht das geringste Freundschaftsband zwischen den beiden Dichtern bestand. Bosone stellt die beiden Unglücksfälle in der Weise gegenüber, daß nach seiner Meinung her Tod Dantes Immanuel nicht näher berührt als irgend einen anderen Menschen, nicht mehr als ein gemeinsames Unglück der gesamten Kulturwelt. Ich, sagt er, beklage den Tod Dantes und du den deiner Freundin, oder besser, fügt er hinzu, du beklagst zunächst dein persönliches Unglück, dann das gemeinsame der gesamten Menschheit. Dem enspricht, wenn Immanuels Antwort der Trauer der Christen ob Dantes Tod die der Juden ob des Hinscheidens seiner Freundin gegenüberstellt. Wollte man seine Verse auch so auffassen, daß er Juden und Christen ohne Unterschied auffordert, das Hinscheiden des Dichters der-„Göttlichen Komödie" zu beweinen, so fehlt doch in seinen Worten selbst der leiseste Hinweis auf ein Gefühl persönlichen Schmerzes über den Tod Dantes, das irgendwie tiefer säße als Lei dem Rest der Menschheit, wie man es bei einem persönlichen Freunde erwarten müßte. Diese beiden Sonette beweisen demnach nicht nur nicht, daß Immanuel „Dantes Freund" gewesen ist, sondern verweisen im