Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 24 (1921-1922)
- Article
- Der Wiederaufbau Palästinas im Zusammenhang der jüdischen Geschichte
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 72 (sequence 10)
- Language
- German
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— 72 — Konsequenzen entfalten. Sicherlich wird das öffentliche jüdische Leben Palästinas durch Beobachtung der Sabbath¬ und Festesruhe und dergl. den religiösen Forderungen vollauf genügen, aber auch die größte Rücksicht auf alle religiösen Forderungen ändert nichts daran, daß die Religion nicht mehr das Ganze des Lebens umfaßt, sondern ihrerseits zu einem Bestandteil eines umfassenderen nationalen Lebenszusammenhanges wird. * Diese Entwicklung, die von außen gesehen eine Zurückdrängung des religiösen Elements darstellt, gibt der ■ Religion reichen Ersatz für das, was sie ihr nimmt, indem sie das religiöse Leben von allen äußeren Bindungen und Rücksichten befreit. Die Sorge für den Fortbestand der jüdischen Gemeinschaft als solcher hört auf, Sache der Religion zu sein, ihr Anliegen ist es nur, dieses Judentum mit ihrem Geiste zu durchdringend Die Gesichtspunkte, die bisher in die religiöse Entwicklung von außen her hineingetragen wurden, mögen sie Notwendigkeit der Anpassung an eine außerjüdische Umgebung oder Besorgnis vor allzugroßer Angleichung an sie heißen, fallen hier von selbst fort. Die Unbedmgtheit echter Religiosität darf wieder der ausschließliche Maßstab alles, religiösen Lebens sein. Der Segen solcher religiösen Ganzheit ist vielleicht das Höchste, was das künftige palästinensische Judentum auch der Diaspora zu schenken hat. In der Freiheit einer solchen Entwicklung wird die jüdische Religiosität ein unbefangeneres nnd natürlicheres Verhältnis zu dem religiösen Leben der europäischen Kul-, turwelt gewinnen können als bisher. Das moderne Judentum, das mitten in den Zusammenhang der europäischen Kulturwelt hineingestellt ist, lebt in der doppelten Gefahr, seine Eigenart durch ängstliche Absperrung gegen jeden äußeren Einfluß zu erkaufen oder die Teilnahme an dem religiösen Leben der Zeit mit dem Opfer seiner Eigenart zu bezahlen. Inmitten einer eigenen jüdischen Welt ist die religiöse Entwicklung des Judentums diesem Dilemma enthoben. Hier kann es die größte Weite des religiösen Horizontes mit echter Eigenwüchsigkeit der Ent-