Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 24 (1921-1922)
- Article
- Der Wiederaufbau Palästinas im Zusammenhang der jüdischen Geschichte
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 69 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3111067-3111114-3117854--6313-3117950- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
— 69 — Westeuropa nicht mehr besteht und auch im Osten sich auf- .zulösen begonnen hat. Das moderne Judentum, dessen Ursprünge in der Zeit der Aufklärung liegen, unterscheidet sich von denjenigen, das wir bisher betrachtet haben, grundsätzlich dadurch, daß der Zusammenhang des religiösen und nationalen Momentes sich löst und beide sich gegeneinander verselbständigen. Man charakterisiert die Veränderung, die sich damals im Judentum vollzog, in der Regel damit, daß es aus der Abgeschlossenheit des Ghettos heraustrat und sich dem Kulturleben der europäischen Völker anschloß. Diese an sich gewiß richtige Darstellung des Sachverhalts gibt jedoch keinen Aufschluß darüber, warum der Einfluß der modernen Kultur den jüdischen Lebenskreis zersprengte, der sich innerhalb so vieler Kulturformen behauptet und ihren Inhalt in sich ausgenommen hatte. Die Erklärung liegt darin, daß die moderne Kultur und die moderne Gesellschaft sich von jeder religösen Bindung gelöst hatten. In der neuen europäischen Völkergemeinschaft war das geistige wie das staatliche Leben keiner religiösen Regelung mehr unterworfen, auch wenn es inhaltlich mit den religiösen Anschauungen und Forderungen durchaus im Einklang stand. In einer solchen Welt war für die religiöse Einheitskultur des Judentums in dem bisherigen Sinne kein Platz mehr. Die überkonfessionelle Einheit der neuen europäischen Bildung mußte die religiöse Form der überlieferten jüdischen Bildungswelt ebenso sprengen, wie die Einheit des modernen Staates den rechtlichen Zusammenhang der jüdischen Gemeinschaft. Die Religion wurde damit auch in der jüdischen Welt auf die im engeren Sinne religiöse Sphäre beschränkt; sie ist seither in einem, ausschließenderen Sinne Religion geworden, als je zuvor. So aber vermag sie auch nur ein auf das religiöse Gebiet begrenztes Gemeinschaftsleben zu umspannen. Eine allseitige jüdische Lebensgemeinschaft ist auf religiöser Grundlage nicht mehr möglich. Ein Jahrhundert hindurch ist ein solcher allseitiger jüdischer Lebenszusammenhang weder vorhanden gewesen noch erstrebt worden. Das Leben des Juden teilt sich