Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 24 (1921-1922)
- Article
- Der Wiederaufbau Palästinas im Zusammenhang der jüdischen Geschichte
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 66 (sequence 4)
- Language
- German
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I. Wir bemächtigen uns unserer Aufgabe am sichersten, wenn wir die gegenwärtige Verfassung des Judentums derjenigen gegenüberstellen, in der es aus dem baby- Ionischen Exil nach Palästina zurückkehrte. Auch damals war das Judentum gegenüber der vorexilischen Zeit ein vollkommen neues geworden. Auf babylonischem Boden hatte sich das Volk Israel zur jüdischen Gemeinde umgeLildet. Das prophetische Ideal des Gottesvolkes, dessen ganze Existenz einen religiösen Sinn hat, war dort zur Wirklichkeit geworden. Nach der Zerstörung der natürlichen Grundlagen des Volksdaseins war die Religion aus einem gewiß schon früher entscheidend wichtigen Bestandteil des Volkslebens, die Grundlage des Gemeinschaftszusämmenhanges geworden; sowohl in dem Sinne, daß jeder Einzelne sich religiös an die Gemeinschaft gebunden fühlte, wie darin, daß die Gemeinschaft selbst das Bewußtsein eines religiösen Berufes hatte, um dessenwillen sie als ein eigenes Ganzes bestand. Dieser Charakter verblieb der jüdischen Gemeinschaft auch nach ihrer Rückkehr nach Palästina. Das neue jüdische-Gemeinwesen, das sich dort entwickelte, ruhte ganz und gar auf den religiösen Grundlagen, die das babylonische Exil geschaffen hatte. Es kennt keinen Unterschied politischer, rechtlicher und religiöser Gemeinschaft, sondern die vollkommene Einheit aller dieser Seiten des Gemeinschaftslebens; dabei aber ist die Religion nicht in der üblichen Form der Antike ein Moment des umfassenderen Gemeinschaftszusammenhanges, sondern alle Seiten des öffentlichen Lebens sind Ausdrucks- und Betätigungsformen der Religionsgemeinde. Die Thora ist das Gesetz so gut im rechtlichen wie im spezifisch religiösen Sinne.- Sie bildet den Mittelpunkt auch alles geistigen Lebens der Gemeinschaft. Die Bildung des Volkes ist nicht nur von religiösem Geiste durchtränkt, sie gehört vielmehr ausschließlich der religiösen Sphäre an. Auch die Volksvergangenheit wird nur noch im Lichte der religiösen Gedanken betrachtet. Das Walten Gottes über seinem Volke ist das Thema aller Geschichtsschreibung,