Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 24 (1921-1922)
- Article
- Das Ideal der Geschichtsschreibung und Israels Stellung zu ihm
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 61 (sequence 16)
- Language
- German
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— 61 nun aber schon deswegen nicht wahr, weil sie, wie soeben erwähnt worden ist, überhaupt nicht etwaige Schattin rungen der überlieferten Materialien später „übermalt" haben, wie auch sehr oft in unserer Gegenwart behauptet wird. Sodann aber läßt sich von den Geschichtsbüchern Israels das reine Gegenteil von ihrem angeblichen Malen „auf Goldgrund" erweisen. Denn ein besonderer Charakterzug derselben besteht darin, daß sie auch sogar Lei den Persönlichkeiten, die sie im übrigen nach den Tatsachen als ausgezeichnet darstellen durften, doch nicht ihre Schwächen und Fehler verschwiegen haben. Auch in Abrahams Geschichte ist ja bemerkt, daß er seine Frau, die allerdings seine Stiefschwester gewesen war, einfach als seine Schwester bezeichnet hatte (1. Mos. 12,13; 20,2 vgl. V. 12 f.) und sich deshalb einen Tadel zuzog. Ja sogar in das Bild Moses ist seine > momentane Schwäche, daß er anstatt einmal, vielmehr zweimal an den Felsen schlug und so einen Mangel an Glauben gegenüber Gottes Zusage verriet, hineingezeichnet und oft unterstrichen worden (4. Mos. 20,11 s.; 27,14 usw.)- So könnten noch viele Fälle zum Beweis dafür vorgeführt werrden, daß das neuerliche Reden von einem Malen der bildlichen Darsteller „auf Goldgrund" nur eine unverblümte Verleumdung ist. Aber aus allen diesen zu Gebote stehenden Beweisen sei nur noch der Umstand herausgegriffen, daß kein Volk des Altertums von seinen eigenen Geschichtsschreibern so oft (2. Mos. 16,2 usw.) getadelt worden ist, wie das Volk Israel. So bleibt noch die Betrachtung des fünften Mangels übrig, der neuerdings an der Geschichtsschreibung Israels aufgestochen worden ist. Man wirft ihr, wie oben im Eingang bemerkt werden mußte, ja auch noch eine außergewöhnliche Beschränktheit der Tendenz und Enge des Blickes auf die Umwelt vor. Denn in dem zitierten Buche von Ad. Bauer „Vom Judentum zum Christentum" (1916) wird ja behauptet in den Ueberlieferungen der „Juden", welchen Ausdruck der wissenschaftliche Sprachgebrauch überdies erst in Bezug auf die nachexilische Zeit anwendet, handle es sich „um den