Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 24 (1921-1922)
- Article
- Das Ideal der Geschichtsschreibung und Israels Stellung zu ihm
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 62 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3111067-3111114-3117853--6305-3117943- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 62 — Ursprung ihres Volkes und ihre ältesten Wohnsitze >als den Anfang der Weltgeschichte". Aber welche Verkehrtheit wird da behauptet! Denn auf den ersten Blättern der Geschichtsbücher Israels handelt es sich bekanntlich um die Anfänge der Menschheit, und der Anführer jenes neuesten Feldzugs gegen die biblische Geschichtsschreibung hat weiter nichts geleistet, als daß er «inen feinen Charakterzug an der Geschichtsschreibung Israels übersehen hat, nämlich die Betonung der Einheit des Menschengeschlechts und seines gemeinsamen Zielpunktes (1. Mos. 12, 3 b), wie diese Betonung — gemäß dem glänzenden Nachweis von Adalbert Merx auf dem internationalen Orientalistenkongreß zu Harn'burg — sonst nicht im alten Orient und sogar bei den Griechen erst in einer später dem Aristoteles zugeschriebenen Schrift „lieber die Welt" austritt. Die Menschheit aber war nun gewiß eher da als die Aegypter und Babylonier. Wenn also jetzt manche Lehrbücher der Weltgeschichte unter dem lauten Beifall von Bauer 15) und seinen Gesinnungsgenossen mit den Aegyptern beginnen, so sind sie nicht um ihre Kurzsichtigkeit und partikularistische Beschränktheit zu beneiden. Hiermit meine ich aber, die Beurteilung, der die Geschichtsschreibung Israels neuerdings weithin unterworfen wird, schon genugsam beleuchtet und dadurch erwiesen zu haben, daß sie nicht blos bei ihrer Vergleichung mit den historiographischen Leistungen anderer Völler des Altertums emporragt und sich sogar neben die hochgerühmte Geschichtsschreibung derGriechen gestellt hat, sondern daß sie uuch bei ihrer Würdigung nach dem Ideal a ll er wahren Geschichtsschreibung in Ehren dasteht. Wenn wir aber sehen, daß sie z. B. in dem Artikel „Eistoriograpby", den 'Ernst Troeltsch für die von Hastings herausgegebene „Encyclopedia of Religion and EtMcs“ (Vol. 6 [1913], p. 716 s.) geschrieben hat, mindestens als nicht existierend behandelt ist, so kann darin nur eine bedauerliche Enge des Horizontes gefunden werden.