Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 24 (1921-1922)
- Article
- Das Ideal der Geschichtsschreibung und Israels Stellung zu ihm
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 60 (sequence 15)
- Language
- German
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— 60 — Ein dritter Fehler der Geschichtsbücher Israels -soll darin bestehen, daß sie „harmonisierend" seien. Wir haben das oben aus den eigenen Worten eines Hauptvertreters der modernen Geschichtsschreibung über Israel, B. Stade, gehört, der sich dabei die historisch-kritische Geschichtsforschung zuschreibt, die nur die Wahrheit suche. Aber Stade hat dabei nicht gemerkt, daß er mit eigener Hand den Ast absägte, auf den er selbst saß. Oder woher hätte er denn das Recht zur Unterscheidung von Schichten in den Geschichtsbüchern Israels nehmen, also „kritisch" Verfahren können, wenn nicht diese Bücher das Gegenteil von dem ihnen vorgeworfenen „harmonisierenden" Verfahren geübt hätten? Die alten Urkunden Israels haben in der Tat Besonderheiten im Sprachgebrauch und auch verschiedene Schattierungen in den Berichten, wie ja Abraham nach 1. Mos. 12,1 usw. erst in Charran, aber nach 15,7; Neh. 9,7 usw. schon zu Ur in Chaldäa in seine besondere Beziehung zu Gott berufen worden ist. In den alten Erzählungen sind diese Verschiedenheiten, die ganz natürlicherweise bei der Weitervererbung in der mündlichen Tradition der verschiedenen Stämme (hauptjächlich Ephraims und Judas) entstehen konnten, im pietätvollen Streben, möglichst viel von den Überlieferungen der Väter zu bewahren, auch später beibehalten worden. Man machte es in Israel, wie z. B. auch in Ägypten, wo „man in treuem Sinn alles das, was einst die Vorfahren geglaubt, zugleich mit allem, was spätere Generationen hinzu gefügt hatten, bewahrte" (Alfr. Wiedemann: Die Toten usw. im Glauben der alten Ägypter, Seite 9), oder wie Herodot (7,152) sagt: „Ich halte mich für verpflichtet, alles das zu erzählen, was man sich erzählt." Der, Blick auf dieses Verfahren der Geschichtsschreiber Israels leitet uns direkt zur Betrachtung des vierten Vorwurfs hinüber, den man diesen Erzählern neuerdings so häufig zu machen Pfiegt, daß er fast zu einem geflügelten Worte geworden ist. Oder wer sollte noch nicht die Redensart gehört haben, die israelitischen Geschichtsbücher hätten ihre Bilder „aus Goldgrund gemalt"? Das ist