Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 24 (1921-1922)
- Article
- Das Ideal der Geschichtsschreibung und Israels Stellung zu ihm
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 55 (sequence 10)
- Language
- German
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Lieder des indischen Rigveda, das 153 586 Worte umfaßt, wurden nur durch das Gedächtnis festgehalten, bis nicht lange vor Buddha (567—477) bei den Indern die Schreibkunst in Gebrauch kam. Und gewiß mit Recht sagte auch einer von den Talmüdlehrern (Jismael ben Jose), daß er die ganze Bibel aus dem Gedächtnis niederschreiben könne. (L. Blau, Zur Einleitung in die heilige Schrift, S. 86). Außerdem war der Zeitabstand zwischen Abraham und Mose nicht so sehr viele Geschlechter weit, daß nicht auch durch die mündliche Überlieferung das Wesentliche von den alten Erinnerungen hätte festgehalten werden können. Das konnte durch die Mitteilungen der Eltern an die Kinder geschehen, und kein Machtspruch moderner Historiker, wie er hie und da gelesen wird, vermag diese Möglichkeit aus der Welt zu schaffen. Im Gegenteil wird diese Möglichkeit durch eine Tatsache zur unbestreitbaren Wirklichkeit erhoben. Dies ist eben die Tatsache, daß das Volk Israel in seinem geschichtlichen Dasein eine vormosaische Periode unterschieden hat. Oder braucht die Bedeutsamkeit dieses Faktums erst noch an das Licht gestellt zu werden? Nein, denn wie natürlich wäre es gewesen, wenn der Ruhm, den Mose als der Begründer der nationalen Unabhängigkeit Israels und als der Vermittler bei der Grundlegung der religiös-sittlichen Gesetze dieses Volkes erworben hat, die späteren Geschlechter dazu verleitet hätte, die Anfänge Israels überhaupt erst von Moses Zeit an zu datieren! Aber aller Glanz, in welchem die mosaische Epoche als die Jugendzeit (Hos. 11,1) des israelitischen Volkes strahlte, hat doch nicht das Licht erbleichen lassen, das aus den vormosaischen Tagen in die Erinnerung Israels herüberfunkelte. Diese merkwürdige, aber von allen modernen Geschichtsschreibern vernachlässigte Tatsache wäre doch aus jeden Fall von der bloßen mündlichen Überlieferung des Volkes Israel geleistet worden, wenn die Geschichtskunde dieses Volkes bis auf Moses Tage bloß durch die mündliche