Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 24 (1921-1922)
- Article
- Das Ideal der Geschichtsschreibung und Israels Stellung zu ihm
- Date
- 1921-01-01
- Page
- Seite 54 (sequence 9)
- Language
- German
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aus ganz morschem Material zusammengesetzt worden seien. Dies behauptet man aber auf Grund gewisser Gesamtanschauungen, die sich betreffs der biblischen Berichte über die Anfänge der Geschichte Israels bis stark in die Zeit Moses herein jetzt weithin der Herrschaft bemächtigt haben. Diese Anschauungen, an denen sich leider auch Ed. Meyer beteiligt, sind aber die folgenden: Erstens meint man, in den fünf Büchern Moses die ältesten Hauptquellen erst aus dem neunten und achten Jahrhundert ableiten zu dürfen, und nimmt sie nur als Zeugen ihrer betreffenden Entstehungszeit. Zweitens behauptet man. bis zur Abfassung dieser Quellenschriften könne keine sichere Kunde über die erste Periode der Geschichte Israels überliefert worden sein, und verkündet auch insbesondere das Dogma, daß „in die Anfänge der Geschichte des Volkes Israel geschichtliche Erinnerungen so wenig zurückreichen könnten als bei andern Völkern", wie es z. B. in Holzingers Kommentar zum 1. Buche Mose, S. 287 heißt. Aber ich meine, daß bei diesen Aufstellungen viele Momente nicht beachtet worden sind, die ich beim Streben nach allseitiger Kritik gefunden habe, und die hier nun wenigstens in einigen Hauptproben entfaltet werden sollen. Die äußerste Möglichkeit wäre doch, daß der biblische Bericht über die Anfänge Israels, also über den ersten Patriarchen, bloß auf mündlicher Überlieferung beruhte. Aber müßte denn auch eine solche Herkunft der biblischen Erzählung zunächst von Abrahams Leben grundstürzend für deren Glaubwürdigkeit sein? Schon dies wäre keineswegs gewiß oder auch nur wahrscheinlich. Denn das menschliche Gedächtnis zeigt sich bei den Generationen, die sich noch allein oder fast ganz auf dasselbe verlassen mußten und müssen, viel elastischer als in den späteren Zeiten. Wie begreiflich ist dies schon vom psychologischen Gesichtspunkt aus, und wie sehr wird es auch durch literargeschichtliche Tatsachen erwiesen! Zwei Zeugnisse mögen aber genügen. Die