Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Das Haus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 154 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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—, 154 machte ihm sicherlich viel Sorge, und. sehr ernst und nachl denklich beschäftigten ihn diese Fragen. Aber sein ruhiger, abgeklärter Geist erhob ihn über die oft agressiv nnd polemisch geführten Streitfragen und störte die Harmonie seiner Wesensart nicht. Jedenfalls trug er in sein Haus nichts von dem Drängen und der Kampfstimmung hinein, die mächtig die Juden bewegte und mit der man den bevorstehenden Verhandlungen der Synode entgegensah' Im übrigen traf es sich sehr gut, daß man im Hause jetzt vollauf mit der Hochzeit beschäftigt war und sich Alles um Judith, den Brautstand, die Aussteuer und das Hochzeitsfest drehte. Das gab dem Rabbiner Zeit sich abseits von der vielfältigen Vorbereitungen seiner Frau und seiner Töchter, eingehend mit den Arbeiten für die Synode zu befassen, und während er in seiner Studierstube diesem Problem nachspürte, wurde nebenan genäht und gearbeitet und ausgewählt und angeprobt, und es häufte sich die liebliche, hübsche Zier von Wäsche und Kleidung für die jugendliche, künftige Rabbinerin. Ich bewegte mich in diesen heterogenen Welten mit gleichem Interesse für beide. Wenn ich aber ganz aufrichtig sein will, so machte es mir wirklich mehr Vergnügen, einer sehr wichtigen Besprechung über die weißen Mullkleider mit blauen Schleifen für Rahel und mit rosa für Ruth, die sie als Kranzeljurigfern zur Hochzeit der Schwester tragen sollten, beiwohnen zu dürfen, als die Vorschläge der radikalen Neuerer kennen zu lernen. Schäme Dich alter Herr! sage ich mir heute bei diesem Bekenntnis, aber der Wahrheit die Ehre. Und ich beruhigte sogar einmal die Frau Rabbinerin über ihre Bedenken, als von diesen Fragen die Rede war, zwischen einer Beratung, ob sie ein graues Moirsantike-Kleid, oder ein braunes Damastkleid zur Hochzeit ihrer ältesten Tochter tragen sollte. Was waren das für reizvolle, nette Wichtigkeiten, mit denen man sich den Kops zerbrach, während nebenan ein tiefer, feiner Denker, das gleiche tat über Fragen, die seine Glaubensgenossenschaft in ihren alten, durch Überlieferungen und wissenschaftliche Begründungen geheiligten Grundsätzen zu erschüttern drohte. Wenn ich