Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Das Haus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 153 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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153 Heilet Krankheiten und bereitet Leiden Die Heilkunde in ihrer materiellen Richtung entäußert sich eines gewaltigen Mittels, daß sie der Anwendung der Glaubensmacht sich begibt" ... Mit Rührung gedenke ich heute des Eindrucks, den diese Worte damals auf mich machten. Und wenn ich ihnen auch nicht meine therapeutischen Erfahrungen, meine Pillen und Mixturen zu opfern bereit war, so erfüllte mich diese Auffassung eines religiösen, wahrhaften Mannes doch mit dem größten Respeckt und mit der innigen Freude, einen Anteil an seinem Leben nehmen zu können.' Und immer wärmer wurde dieser Anteil, immer inniger schloß ich seinem Familienkreise mich an und genoß die reinen, lieben Freuden, die. sich dort abspielten, mit ihnen. Alle Interessen galten von jetzt an dem Hochzeitstag. Er rückte rasch näher, allzu rasch für die Vorbereitungen, die noch zu treffen waren. Der junge Rabbi trat sein Amt an, am Sabbat des Chanukafestes. Und vor dem Pessachfeste sollte die Hochzeit stattfinden, das junge Paar den Sederabend schon am eignen Herd begehen. Amtliche Angelegenheiten des Rabbiners machten die Festsetzung dieses Termins notwendig. Vierzehn Tage vor Purim sollten in einigen größeren Gemeinden Besprechungen stattfinden, bei denen er Vorträge halten sollte, über die Stellungnahme der orthodoxen Gemeinden zu einer Synode, die für Anfang Mai nach Berlin einberufen worden war. Das gab viel Arbeit nnd Mühe, aber er unterzog sich dieser Aufgabe mit Freude und Begeisterung, und es erfüllte ihn mit Genugtuung, daß man ihn zum Führer in dieser Sache erkoren hatte. Die liberalen Kreise entfalteten eine große Propaganda für ihre modernen Anschauungen und eine völlige Umbildung des Gottesdienstes in synagogaler Hinsicht. Orgel und Chorgesang, befreit vom alten Ritus, sollten eingesührt werden, die Liturgie in deutscher Sprache verlesen, die Thoravorlesungen gekürzt und allerhand Neuerungen vorgenommen, die einem völligen Umsturz gleichkamen. Ja, selbst aus die Speisegesetze erstreckten sich die Reformbestrebungen, und es war kein kleiner Anhang, den diese neuen Ideen in den Kreisen der modernen Judenschaft fanden. Das