Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Das Haus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 151 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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151 interessieren. Auch könnte ich dieses komplizierte Gebiet einem Laien kaum erschließen. Soviel danke ich Ihrer mir geschenkten Freundschaft, daß ich aus dem blühenden Garten des Persönlichen uns nicht in die Labyrinthe des Theoretischen versetzen möchte. Wenn Sie aber durchaus etwas aus meiner Studierstube kennen lernen wollen, so werde ich Ihnen mein Buch: „Mer das Wesen und den Ursprung der Religion geben, Mt dessen Ausarbeitung für die zweite Auflage ich gegenwärtig beschäftigt hin.“ Ich verdanke dem geistreichen, nachdenklichen Werke manche anregende Stunde und bewunderte die streng logische Durchführung seiner Gedänkenkette. Besonderes Interesse erweckten mir nachfolgende Ausführungen:*) „Gehen wir vöu den Erscheinungen, die sich als Religion bezeichnen, zu ihren Wirkungen über, so zeigt sich uns ~ eine große Manigfaltigkeit und Fülle. Die Religion bildet den Charakter des Menschen und leitet seine Tätigkeit. Sie veredelt die Sitten und führt zur Menschenliebe; sie verwildert sie aber auch und beschwört fanatischen Haß herauf. Sie fördert die Tugend und erweckt Gefühle für Recht und Wahrheit; sie hemmt aber auch die Entwicklung der Tugend, beschönigt Unrecht und Gewalttätigkeit und ruft die Lüge hervor. Auf der einen Seite erhebt sie die Menschheit bis zur Göttlichkeit, auf der andern erniedrigt sie dieselbe bis zum Mittel kleinlicher Selbstsucht. Während sie hier den Menschen in Verbindung mit dem Göttlichen setzt, gibt sie ihn dort zum Opfer eines grauenhaften Phantoms hin. Sie malt die Welt mit lieblichen Farben und Tinten aus, bekleidet das nakte, tzisige Gestein der Notwendigkeit mit dem anmutigen Grün der Hoffnung und füllt die Erde wiederum mit Entsetzen, und führt gespenstische Furcht in die ruhige Gesetzlichkeit ein. Es füllt sich durch sie hier eine Seele mit Andacht und dort mit abergläubischer Furcht; sie vergießt Tränen der Freude und Lust und wieder Tränen der Angst und *) Rabbiner 0r. H. S. Hirschfeld: Aber das Wesen und den Ursprung der Religion.