Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Das Haus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 150 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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150 — zu Tag schöner wurde, traf damit wirklich das richtige, denn soviel Güte und Liebe strahlte das seine, edle Gesicht des Vaters aus über die glücklichen Geschöpfe seines gesegneten Hauses, daß ein Abglanz davon auf die ganzes Umgebung fiel und die grauen Herbsttage, die jetzt ein-- setzten, mit Licht und Wärme erhellten. Ich war in dieser Zeit viel bei ihm, nutzte die freie Zeit aus, die ihm vom der Familie gemssen wurde, um mich des Zusammenseins mit diesem Manne klaren Denkens, reifer Weltanschauung und frommen Gemütes zu erfreuen und in tiefgründigen Gesprächen zu belehren. Immer deutlicher wurde mir, daß die Verschiedenheit der Glaubensbekenntnisse, die Menschen nicht zu trennen oder zu entfremden brauchte. Religiöse Ideen, wenn sie auf wahrhaft sittlichen Anschauungen beruhen, haben im letzten und tiefsten Gründe etwas Gemeinsames, was den Juden ebenso wie den Christen zueigen ist. Und niemals fühlte ich mich, der ich docheigentlich skeptisch veranlagt und als Naturwissenschaftler lau im Glauben war, mehr als Christ, als neben diesem, prächtigen Juden. Kindheits- und Jugenderinnerungen meiner katholischen Religion wurden in mir lebendig, und ich verstand die schöne, treue Gläubigkeit, mit ihrem dogmatisch schlichten und doch so vielseitigen Inhalt, dir das Leben dieses Denkers durchdrang. Er war zur Zeit mit der Herausgabe eines philosophischen Werkes beschäftigt. Große talmudisch wissenschaftliche Arbeiten waren vorher gegangen: „Beiträge zur Geschichte der Exegese und zur Methodologie des Talmudes." Als Übersetzer der Halachischen und Haggadischen Exegese spürte er dem Geist der talmudischen Auslegung der Bibel nach, und ein bekannter Gelehrter christlichen Glaubens sagte mir einst darüber, daß diese Arbeit bahnbrechend für das Interesse und Studium des Talmuds auch in wissenschaftlichen protestantisch-theologischen Kreisen geworden sei. Er selbst in seiner bescheidenen Würde sprach niemals von seiner gelehrten Betätigung, und als ich einmal anfing davon zu sprechen, sagte er liebenswürdig scherzend r „das kann ich wahrhaftig nicht von Ihnen verlängert, lieber Freund und Kreisphysikus, daß Sie sich auch dafür