Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Das Haus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 148 (sequence 17)
- Language
- German
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148 den Eindruck einer Prozession, wie ich sie von meiner katholischen Heimat her kannte. Nur der plärrende Singsang eines Vorbeters fehlte. Obwohl einer oder der andere, der mir als Patienten bekannten Gemeindemit- -glieder von der muckerischen Seite mir dazu geeignet schien. „Was bedeutet dieser Auszug oder Umzug?" fragte ich den Rabbiner" „Am ersten Tage Rosch haschana, und wenn dieser auf einen Sabbat fällt, am zweiten Tage," erklärte er mir, gehen die Juden an einen Fluß, weil Wasser ihnen das Symbol der Gnade ist, um dort ein Gebet zu verrichten. Dieses besteht in der Hauptsache aus den Versen 18—20 Micha, wo Vers 19 lautet: „Gott wird wiederum sich unser erbarmen, wird unterdrücken unsere Schuld. Du wirst in die Tiefen des Meeres werfen all ihre Sünden." Du wirst werfen, heißt auf hebräisch: „Taschlich." Daraus hat die unwissende Volksmafse Taschlech gemacht. Es werden nämlich im jüdisch-deutschen Jargon, kleine Taschen,. Taschlech genannt. Darum leeren viele unserer Glaubensgenossen ihre Taschen, die sie vorher mit Brotkrumen gefüllt haben, nach diesem Gebete in den Flußlauf, damit die Wellen diese Brotkrumen hinwegspülen, in dem Glauben, daß sie nun sündenfrei seien. So hat der Glaube wieder einmal den Aberglauben geboren. Weder der Talmud kennt diesen Brauch, noch ist im Schulchan aruch davon etwas enthalten. Das Taschlich machen istoffenbar kabbalistischen Ursprungs und wird zum ersten Male im Sohar angedeutet. Hier mag unter meinen chassidischen Gegnern mich mancher als einen Freidenker bezeichnen, weil ich mich an derlei Gebräuchen nicht beteilige," setzte er lachend hinzu, „ich muß mit meiner Sündenlast, schon auf andere Weise fertig werden. Ich wünschte, lieber Freund. Sie hätten eine Vorstellung, davon, was diese Feiertage von Rosch-haschana bis zum N'ilah Gebet am Jom Kippur uns für eine überreiche Gelegenheit bieten, uns mit unserm inneren Menschen zu befassen. Uns auseinanderzusetzen mit unfern menschlichen Schwächen, unserm Fehl und unseren Sünden, der Erhabenheit der göttlichen Gebote gegenüber" ... er war