Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Das Haus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 146 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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146 eines jüdischen Hauses, wo eine Braut zaghaft und freudig, die Eltern besonnen und fürsorglich, die Geschwister neugierig, fröhlich, erwartungsvoll der Hochzeit entgegensahen, und ich mitten unter ihnen, als gehörte ich dazu, und weiß der Himmel, ich fühlte mich auch dazu gehörig. Ich saß am Abend in der Sukkoh unter ihnen, deren Laubdach geschmückt war mit Ketten aus buntem Papier, an denen vergoldete Apfel und Nüsse hingen und ein großer ausgehöhlter Kürbis zur Lichtkrone gestaltet war. Rahel und Ruth und ihre Freundinnen hatten die Ausschmückung besorgt. Dazu herbstliches Laub und Astern und Georginen und Eisbeeren verwendet. Diese Hütte machte wirklich einen poetischen Eindruck, und die festlich gedeckte Tafel im Schmuck des alten, ererbten Sikbergeräts, aus dem Familienbesitz der Rabbinerin machte einen ganz feudalen Eindruck, Juden! dachte ich mir, von edler Abstammung, haben in Überlieferung und Traditionen doch etwes wahrhaft aristokratisches! Ich schloß die Augen, Wohl einige Minuten lang in Nachdenken versunken. Ein silbernes Lachen weckte mich und Ruth rief: „Der Herr Kreisphysikus schläft" ... nein, er schlief nicht, holdes Kind, er träumte nur, einen wunderlichen Traum, von alten Juden und modernen Christen! Als ich aufsah, fiel mein Blick auf ein silbernes Gefäß, das abseits auf einem kleinen Tischchen stand. Ein trockner Palmenzweig mit Myrthe und Bachweiden verbunden, ragte daraus empor. Daneben in einer fein gearbeiteten, vergoldeten Filigranbüchse die symbolische Frucht dieser Freudenfesttage, der Eßrog. Sie bildeten den Feststrautz des Hüttenfestes. „Warum braucht man Eßrog und Lulow am Sukkot?" fragte Ruth mit kindlicher Neugier. „Hat es eine besondere symbolische Bedeutung?" schloß ich mich ihrer Frage an. „Darüber soll mein Kollege uns Auskunft geben" . .. wendete der Rabbiner sich an seinen Schwiegersohn. Dieser fuhr empor,' aus verliebten Gedanken. Für ihn war jetzt jeder Tag ein Freudenfest, an dem er neben Judith saß, aber er faßte sich gewandt und sagte: „Ich möchte auf eine symbolische Bedeutung des Straußes gern Hinweisen, aber wenn ich ihn in seine Einzelheiten zerlege,