Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Das Haus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 145 (sequence 14)
- Language
- German
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145 tder bevorstehenden Probepredigt in B. berichtete. „Ein sehr begabter Bochur", sagte der Rabbiner, „und aus sehr bekowedter Familie", fügte seine Frau hinzu. Und so war ich mit einem Male der Schadchen im Rabbinerhause. Die Probepredigt hatte einen glänzenden Erfolg. Wunder?! Er wird wohl mit Engelszungen geredet haben. Und schon am „Chol hamoed Sukkot" war Judith Braut. Das liebe, junge, feine Kind! Sie war überglücklich, strahlte vor Wonne, wurde bald blaß und bald rot, wenn man ihr gratulierte und alles in einer Züchtigkeit und Reinheit und Seeligkeit, daß es mir wie eine tiefe Rührung durch die Seele zog. Und er? Der fesche Ketskemeter nahm die Verlobung weder theologisch, noch rabbinisch, sondern frisch, fest, stürmisch-ungarisch. Für einen Bräutigam gefiel mir das besser, als wenn er „Sr. Ehrwürden" herausgestrichen hätte. Und das war er wirklich, denn seine Anstellung als Gemeinderabbiner zu B. erfolgte sehr bald. Fröhliche Tage gab es im Rabbinerhaus. Die Braut und ihre Schwester hatten mich nun wirklich zu ihrem „Onkel" erklärt, und der „Chossen" behandelte mich mit einer Zutraulichkeit, die mir Vergnügen bereitete. Offenbar stand ich ihm näher, als sein Schwiegervater, der in seiner rabbinischen Hoheit, talmudischen Weisheit und amtlichen Würde ihn doch in einer gewissen Entfernung hielt. Es gab nichts Liebenswürdigeres als wenn er zu seinem Schwiegersohn sagte: „Also mein lieber Kollege" ... da wurde der junge Ketskemeter ganz verlegen, rückte sich in Positur, setzte das Käppchen auf und fragte: „was meint der Herr Rabbiner?" Aber mit seinem freudigen, ein wenig ironischen Lächeln sagte dieser: „Ich meine, Du darfst jetzt zu Deiner Braut gehen" ... weg war er. Von nebenan erscholl Lachen und Jubeln und Plaudern! Die wohlerzogene Jugend amüsierte sich, denn der Ketskemeter sprach ungarisch. Das war ein Vergnügen. „Judith lernt diese Sprache", sagte mir die kleine Ruth heimlich, „sie will Josef damit überraschen." Wieder ein Geheimnis mehr. Alle kamen sie zu mir, mit ihren kleinen Heimlichkeiten und Überraschungen, und deren gab es jetzt in Hülle und Fülle. Es war das echte Leben io