Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Das Haus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 144 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3111067-3111110-3117664--6051-3117834- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
144 Die Distanz ist zu groß und besonders in altjüdischeu Familien mußte das ganz programmmäßig und richtig eingefädelt vor sich gehen. Dazu sind die Pulvermachers da. Aber was tut Gott? Eines schönen Nachmittags, der Vater war in der Synagoge zu „Mincha", die Mutter saß mit dem Schadchen in vertraulichem Gespräch in der guten Stube, und ich plauderte mit Judith und Rahe! im Eßzimmer, als der Herr Kandidat etwas stürmisch ins Zimmer trat, man konnte schon sagen, stürzte,, ein Schreiben in der Hand und in höchster Aufregung ausrief: „ich bin zur Probepredigt nach B. geladen." Ein leiser Aufschrei Judiths, die erbleichend aus dem Zimmer lief,. Rahel hinterdrein, und ich und der glückliche, eifrige zukünftige Rabbiner sahen uns etwas verwirrt an. Und nun kam das Merkwürdige, der junge sonst stets zurückhaltende bescheidene Mann, wurde so beredt, als hielte er bereits seine Probepredigt, und mit einem vollen Temperamentsausbruch — er war nämlich ein geborener Ungar, aus Ketskemet, machte et mich zum Vertrauten seiner Liebe zu Judith und seiner Hoffnung, daß sie auch ihm zugetan sei, wofür er mancherlei Zeichen habe und daß er, sobald er die Stelle habe, um sie werben werde. Was so einem treuen Hausfteund nicht alles passieren kann! Ich glaube, ich war etwas perplex, aber schließlich besann ich mich auf mein Onkelhaftes Verhältnis zu den drei Mädeln, und daß ich gewissermaßen die Pflicht hätte, mich den jungen Menschen zur Seite zu stellen, und, nachdem hinter dem Rücken des Talmuds sich diese anmutige Sache vollzogen hatte, und wirklich jemand gekommen war, um Judith auf den Flügeln der Liebe davonzutragen, ich es übernehmen müßte, dem Rabbi und seiner Frau den Tatbestand klar zu machen. Ich wünschte mir dazu Pulvermachers Geschicklichkeit in derlei delikaten Affären. Aber schließlich machte ich meine Sache ganz, gut. Der Rabbiner schmunzelte, als ich am Abend sehr vorsichtig anfing von allerlei Herzensangelegenheiten zu. sprechen, die Rabbinerin hatte Tränen in den Augen und sagte leise: „Das Hab' ich mir doch gleich gedacht", und beide waren offenbar angenehm überrascht, als ich vou