Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Das Haus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 143 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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143 romantisch, nicht wahr, für einen alten Hausfreund? Pulvermacher war nicht dieser Ansicht und sagte einmal, als ich mich in diesem Sinne äußerte, „aus dem was Sie fügen, Herr Dr., mach' ich drei Partien". — Dabei setzte er feine Bemühungen fort, für Judith einen feinen „Schiddech" zu finden. Gut orientiert war ich. Erst war's ein Apotheker, dann ein Dr., dann ein Kohlenhändler, dann ein Oberlehrer, dann ein Manufakturwarenhändler, dann - beinahe ein Bankier!. .. Der Rabbiner zog in väterlicher Sorge alles in Erwägung, die Mutter ging sehr nachdenklich umher, und ihre Konferenzen mit Pulvermacher wurden immer länger. Dabei bemerkte niemand, daß das holde Geschöpf ihr Herzchen bereits verloren hatte, bewahre . . . nicht an mich, dem sie als guten Freund anvertraute, daß der Dr. L. doch ein sehr netter, lieber Mensch sei. „Aha! Jetzt paßte ich auf uyd richtig, der junge Rabbinatskandidat war's, der zweimal wöchentlich zum Rabbiner kam, um mit ihm zu lernen, der das liebe Kind mit seinem frischen, temperamentvollen Wesen, für sich gewonnen hatte. Geradezu um poetisch zu werden! Das hatte mir in meiner Stimmung auch noch gefehlt.. Aber ich, als täglicher Gast des Hauses beobachtete, wie Judith immer inniger den jungen Kandidaten ansah, wenn er, was jetzt öfter geschah, nach den Talmudstudien zum Verbleiben aufgefordert wurde und sich dem Familienkreis gesellen durfte. Ich sah, wie sie errötete oder erblaßte, wenn er in ihre Nähe kam, wie sie erschauerte, wenn er sich an sie wendete, wie sie atemlos lauschte, wenn er von Breslau erzählte, wo er das Rabbinerseminar besucht und gleichzeitig an der Universität studiert hatte und wenn er von seinen Aussichten sprach, hoffentlich bald eine Stelle in einer frommen Gemeinde zu finden. Und merkwürdig, die sonst so aufmerksamen Eltern merkten nichts davon — oder wollten sie nichts merken? — Waren immer mit Pulvermachers, Apotheker und Manufakturwarenhändler und Oberlehrer und beinahe, „einem Bankier" beschäftigt, während zwei junge Menschenherzen neben ihnen in hellen Liebesflammen aufloderten. Ich glaube, das einzige, was Eltern nie verstehen, ist, wenn ihre Kinder sich verlieben.