Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Das Haus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 142 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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142 Mutter. Ich glaube sogar, daß schlechte Eigenschaften, Wie Eigensinn. Hang zur Lüge, Genäschigkeit sich beseitigen Tassen, wenn man ungünstige Eindrücke aus dem Wege -räumt. Durch gutes Beispiel und Milde, ohne agressive Eingriffe von Prügeln. Schelten, Zanken, Strqfmaßregeln, wie Entziehen von Mahlzeiten und ähnliche liebwerten -Heilmittel ... da bin ich wieder mitten drin, in meinen -pädagogischen Betrachtungen. Das prachtvolle Rabbinerhaus bringt mich stets auf diese mir interessanten Studien. Ich glaube nicht an unartige Kinder, nur an unartige Mütter. Deshalb habe ich auch nicht geheiratet. Die Furcht, meine Frau nicht von meinen Erziehungsansichten Lberzeugen zu können, war zu groß. Und werweiß, ob -ich selbst das gute Beispiel hätte geben können, das ich unbedingt als die Basis der guten Erziehung ansehe. Dort war es vorbildlich. Mit größter Sorgfalt hielten die Eltern dem häuslichen Herd alles fern, was einen Schatten auf den lichten Glanz des Hauses hätte werfen ckönnen. Auf sein Behagen, seine ökonomische Sorglosigkeit, seine Genügsamkeit, seine unsagbare Zufriedenheit, seiner Sitten liebenswürdige, selbstverständliche Freundlichkeit. -In dieser Atmosphäre wuchsen Judith, Rahel, Ruth auf und wenn nun der Schadchen Pulvermacher es sich besonders angelegen sein ließ, das junge, kaum dem -Kindesalter entwachsene Mädchen unter die Haube zu bringen, so war das nicht gerade verwunderlich. Es Kappte alles. Ein feines, liebes Kind, aus guter Familie. Der Vater, ein Gelehrter und Rabbi, die Mutter, von höchstem „Jiches", und was auch nicht gerade zu verachten war, sie hatte sogar ein -.Nedan", denn die Frau Rabbinerin stammte von vermögenden Leuten. Nun weiß jeder, daß „Nedan" Mitgift bedeutet. Ich wußte es auch, und Pulvermacher hat mir wiederholt auseinander gesetzt, es sei gut, wenn man neben fein und schön, für die Kalle noch ein rundes Sümmchen hinzu fügen kann. Das ist mal jüdischer Brauch. Immerhin mag es ja was für sich haben. Mir imponierte das nicht, und ich hatte das Gefühl, daß jemand kommen müßte und Judith auf Flügeln der Liebe emportragen in ein sonniges, helles, reines Leben —•