Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Das Haus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 141 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/3111067-3111110-3117664--6048-3117831- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
141 etwas ungeschickt in Drehung versetzt hatte und sobald eKfeststand die hebräischen Buchstaben ansagte: Gimmel-ganz», hei-halb, Nun-nichts. Besonders viel Spaß machte ihr» wenn ich „Nun" ansagte, zwei Nüsse in die Kasse legen mußte, die sie darauf, mit einem „Gimmel" einkassierte. Welch einfache, kindliche Freuden lagen in. allem, was diese wohlerzogene Jugend genoß! Welches Glück strahlte sie aus über das Familienleben dieses Hauses. Oft dachte ich an das, was man heutzutage die Erziehung, einer guten Kinderstube nennt. Fürwahr, niemals haben diese Kinder. ein heftiges, unfreundliches Wort gehört, niemals etwas gehässiges, bösartiges, ungütiges. Ich bin meiner Sache sicher, wenn ich behaupte, daß in der Ehe des Rabbiners und seiner Frau, nie ein Streit, aufgeregte Scenen, Heftigkeiten, Gegensätzlichkeiten, Ungehörigkeiten sich abspielten. Gab es Ärgerliches, Unzuträglichkeiten, Sorgen oder Leid, so kam es von außen oder vom Schicksal und wurde gemeinsam getragen, in gleicher Seelenstimmung und Harmonie. In Würde und Demut. Nichts Lautes, Demonstratives, verletzte, erschreckte die reinen Kinderseelen, denen Alles fern gehalten wurde, was sie unruhig, ängstlich, unfroh hätte machen können. Sie sahen und' hörten nur Liebes, Gütiges, Frohes und kannten die Welt nur im Sonnenschein, Friedensglanz einer edlen Familienzusammengehörigkeit. So gedeiht und entwickelt sich wohlerzogene Jugend! Das Beispiel, ist die einzig wirsame Erziehungsmethode. Zeiget euren Kindern nichts von der Unrast, der Heftigkeit, dem Jähzorn eurer Natur s Hemmung, Hemmung, dreimal Hemmung t Seid fein und gelassen im Verkehr mit ihnen, vermeidet unschöne Manieren und Geberden, vernachlässigte Formen.. was sie nicht kennen und vor sich sehen, werden sie nicht nachahmen und so vollzieht sich ohne Strenge und drakonische Gesetze, ohne Geschrei und — fürchterlicher Gedanke — Prügelstrafen, die Entwickelung und Menschwerdung des Kindes. In solchen Kinderstuben blüht die wohlerzogene Jugend. Sehe ich ungezogene, unartige Kinder, so denke ich immer an die unerzogene, unangenehme Mutter. Ich bedaure diese Kinder und mißbillige die