Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Das Haus
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 136 (sequence 5)
- Language
- German
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Mit der Frau Rabbinerin stand ich anfangs weniger gut. Seitdem sie einmal meine Anrede: „liebe Rebbezin" sehr reserviert und höflich aber entschieden zurückgewiesen hatte. „Für die Mitglieder unserer Gemeinde bin ich die Rebbezin und bin stolz darauf, für alle andern aber bin ich die Frau Dr. oder die Frau Rabbinerin, Herr Kreisphystkus, wenn ich darum bitten darf!" — Sie betonte den Titel Kreisphysikus ziemlich scharf und ich kam mir etwas abgekanzelt vor, mit meiner Vertraulichkeit. Dieses gräßliche Judendeutsch! Es hat mir manche Unannehmlichkeit bereitet, dennoch möchte ich diese Ansdrucksweise nicht missen in meinem Sprachschatz. Immerhin bleibt es merkwürdig, daß ich weniger Anklang fand bei den gebildeten Juden, wenn ich mich dieser ihnen doch geläufigen Ausdrücke bediente, und sie nahmen gewöhlich, eine ins Hochdeutsche übertragene Zurückweisung an, als fänden sie es unangemessen, daß ich als Christ ihnen mit dem Jargon ihrer Glaubensgenossen kam. Diese aber, sobald sie auf geringer Bildungsstufe standen und gesellschaftlich niedrigerem Niveau, mochten diese Intimität gern und betrachteten sie als einen Vertrauensbeweis, der mich ihnen näher brachte. Herr Gott, was habe ich mit meinen Patienten gemauschelt, oder gar in den Wochenstuben mit den Wöchnerinnen und ihrer Mischpoche, und bei den Chassenes, und Barmizwehs und Lewajehs, ich betone das nun gerade absichtlich, in Leid und Freud, der Frau Dr. zum Trotz; allerdings weil sie es nicht hören kann, sonst hätte ich „maure" vor ihr. Und so war auch mein Verhältnis zu ihr. Ich hatte eine mit höchster Verehrung für sie gemischte Furcht, mich gehen zu lassen, wozu man in einer so eigentümlichen Stellung, wie die meine in der Khille — Pardon Frau Rabbinerin, in der Gemeinde, leicht geneigt ist. Und so kam etwas fremdes in den Ton unseres Verkehrs. Ich beachtete die Form, die sie betonte. Mit liebenswürdigem, aber ein wenig spöttischem Lächeln beobachtete es der Rabbiner, bis er eines Tages, als sie das Zimmer verlassen hatte, in dem wir plaudernd beisammen saßen, losbrach: „Sie is gar nich ä so stolz, wie sie tut, Herr Kreisphysikus, oßer möcht' sie Sie kränken