Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Unsere Großväter
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 130 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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130 Jüdische Gedichte und Sagen werden von den Vortragskünstlern dargeboten, dramatische Dichter gehen bis in die biblische Zeit zurück, lassen die alten Propheten über die Bühne schreiten, während Andere moderne Bilder aus dem Leben der Ostjuden oder der palästinenschen Kolonien dem Publikum darbieten. Die größte Veränderung aber ist mit der studierenden Jugend vorgegangen. Unsere heutigen Studenten würden von unfern Großvätern garnicht mehr wiedererkannt werden. Zu ihrer Zeit setzten die jüdischen Studenten ihre Ehre darin, in die Korps ihrer christlichen Kommilitonen gnädigst ausgenommen, dort im besten Falle geduldet und scheel angesehen zu werden, heute haben sie sich ihre eigenen Verbindungen geschaffen, in denen sie vor allem, sich körperlich ausbilden im Turnen, Fechten, Schießen, Schwimmen, Rudern usw. Und in allen diesen Künsten haben sie es mindestens soweit gebracht wie ihre nichtjüdischen Vorbilder. Niemand darf es mehr wagen, sie wie früher zu beleidigen oder zu hänseln, sie werden von ihren Gegnern gefürchtet und darum in Ruhe gelassen, was ihr nächstes Ziel gewesen ist. Was aber unsere Großväter noch weit mehr in Erstaunen setzen würde, sie haben sich die Pflege der hebräischen Sprache zur vornehmsten Aufgabe gemacht und zu diesem Zwecke Zirkel und Kurse gebildet, an denen auch nicht studierende und ältere Herren und Damen teilnehmen. In diesen Zirkeln werden neben der hebräischen Sprache auch jüdische Geschichte nnd unsere literarischen Schätze aufs eifrigste studiert, es -werden Vorträge über die verschiedensten jüdischen Stoffe gehalten, und das alles nicht nur für die männliche, sondern auch für die weibliche Jugend. Wie würden sich aber erst unsere Großväter freuen, könnten sie bei den geselligen Vergnügungen der jüdischen Jngend, bei Tanz und Sport und Spiel plötzlich unter sie treten und beobachten, wie fröhlich, ungezwungen und harmonisch hier der Verkehr sich entwickelt, in dem schon so manches Band fürs Leben sich geknüpft hat. Unsere Großväter müßten doch, wie so mancher deutsche Jude, der zu Anfang sich gegen alle solche ab-