Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Unsere Großväter
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 131 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 99% known words query
- IRI
…/3111067-3111110-3117663--6037-3117821- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
131 geschlossen jüdische Einrichtungen ablehnend Verhalten hat, unbedingt anerkennen, daß durch dieselben das ganze Leben unserer Jugend sich schöner, freier, glücklicher und Harmonischer gestaltet hat, als es unter den früheren Verhältnissen möglich war. Aber mehr noch, sie müßten auch anerkennen, daß .auch von der rein religiösen Seite betrachtet all dies von großer Bedeutung ist, wenn auch diese Seite nicht in den Vordergrund tritt und die Religion dabei nicht betont wird. Unsere Großväter hätten sich nicht so schwerer Sorge chingegeben, wenn sie bei ihrem Leben in diese Zukunft hätten sehen können. Auch wir brauchen nicht zu verzagen, wenn wir auch Don den Heutigen noch so oft behaupten hören: die Religion ist uns Nebensache. Wir schließen uns dieser Ansicht nicht an, wir glauben vielmehr, die Religion wird uns immer Hauptsache bleiben. Wir sehen sie ja auch jetzt wieder auf den verschiedensten Wegen in unsere Gemeinschaft einziehen. Sie wird ihren sittlichen Kern nicht verlieren, wenn auch noch so viele Gefahren auf sie emstürmen. Sie wird auch in der schwersten Prüfung, in dem uns jetzt umtobenden Kriege, der so mächtig an dem Gebäude aller Religionen rüttelt und den Glauben an eine höhere Gerechtigkeit ins Wanken bringt, standhalten. Die Juden, die während so vieler Jahrhunderte bei allen ihren unsäglichen Leiden niemals ihren Glauben an Gottes Güte und Barmherzigkeit verloren haben, sie werden auch jetzt trotz aller wahnsinnigen Greuel, die die Erde mit Blut tränken und mit Trümmern bedecken, an ihrem Gotte nicht irre werden. Ihre Religion verjüngt sich immer wieder, wenn man sie schon für verloren hält. Die Juden werden sich immer wieder mit dem Geiste erfüllen, der unsere Großväter beseelt hat und der der Geist ewiger Jugend ist. 8*