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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1919-01-01 · 22 (1919) · p. Seite 129

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
22 (1919)
Article
Unsere Großväter
Date
1919-01-01
Page
Seite 129 (sequence 19)
Language
German
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— 129 — Er starb hochbetagt im Jahre 1866 ohne Krankheit und ohne Todeskampf, ruhig und friedlich, wie er gelebt hatte. Sein einziges Kind, meine Mutter, ging ihm im Tode unmittelbar voran. Sie erreichte nur ein Alter von 49 Jahren. Sie starb im Nebenzimmer und wurde hinausgetragen. ohne daß er etwas davon merkte. Cs wäre der einzige Schmerz seines Lebens gewesen, und so blieb ihm auch dieser erspart. Nach dieser Skizze privaten Charakters wollen wir uns wieder den allgemeinen Verhältnissen und ihrer Entwicklung zuwenden. Stellen wir uns jetzt einmal vor, daß unsere Großväter, namentlich diejenigen, welche damals mit Recht ein allmähliches Aufgehen in die andersgläubige Umgebung befürchteten, heute aufstehen und unter uns treten würden. Wie würden sie staunen, welch durchgreifende Veränderung mit ihren Nachkommen vorgegangen ist! Wie würden sie staunen, daß das von ihnen befürchtete Aufgehen garnicht eingetreten ist, daß sogar das genaue Gegenteil davon sich vollzogen hat! Welche Ursachen diesen Wandel bewirkt, welche Strömungen im letzten Menschenalter den glimmenden Funken jüdischen Selbstgefühls zur Hellen Flamme angefacht haben, wie ruchlos die Ehre der deutschen Juden mit Füßen getreten, wie sie in ihrem teuersten, in ihrem vaterländischen Gefühl verletzt wurden — das alles brauche ich Ihnen heute hier nicht vorzutragen, wir haben ja das alles selbst miterlebt und im tiefsten Herzen gespürt. Was also würden unsere Großväter sehen? Die Heutigen tragen ihr Judentum stolz zur Schau, von allen Ständen, auf allen Gebieten wird es hervorgekehrt. Sogar die bildenden Künstler unter den Juden, die Maler und Bildhauer, stellen mit Vorliebe jüdische Stoffe dar, die sie aus der jüdischen Volksseele oder aus ihrer Geschichte oder auch aus der lebendigen Gegenwart schöpfen. Noch mehr tritt das jüdische Element in dem Musikleben hervor. Da werden ganze lange Konzertabende mit dem Vortrage jüdischer Melodien, jüdischer Volkslieder und alter Synagogengesänge ausgefüllt, für welche unsere ersten Sänger und Sängerinnen ihre Kunst zur Verfügung stellen. 9

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