Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Unsere Großväter
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 128 (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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Wo er aber am meisten an feinem Platze war, an der Spitze des Tisches am Sederabend, da Lot er mit seinem in freudiger Andacht strahlenden Antlitze ein unvergeßliches Bild, ein Patriarch vom Scheitel bis zur Zehe. Wenn man das in sich ausgenommen, verstandman, was es heißt Simchas mizwoh, Freude an den religiösen Übungen. Ihm wurden die einzelnen symbolischen Handlungen wie die ganze Vorlesung aus der Haggada „zum brünstigen Genuß." Der Gipfelpunkt aber aller seiner Festesfreuden war das Freudenfest selber, das Laubhüttenfest. Die Laubhütte, die ihm zu Gebote stand, war in unserer Nachbarschaft aus dem alten Markte im vierten oder gar fünften Stockwerk auf dem Dache aufgebaut. Dort mußte er hinaufklettern, um seine Mahlzeiten, auch schon das erste Frühstück, darin einzunehmen. Diese so schwer erreichbare, zugige, weil von allen Seiten, auch von oben offene, allen .Winden schutzlos preisgegebene Hütte empfand er auch als eine Mehrung seines Feiertagvergnügens. Weniger aber meine Mutter, der diese Sendungen den ganzen Tag Sorge und Schwierigkeiten bereiteten. Daß unser Dienstmädchen, welches immerfort treppauf und treppab steigen mußte, den sündigen Wunsch nicht unterdrücken konnte, ein-tüchtiges Regenwetter möchte dem allem ein Ende machen, kann man ihr wohl nachfühlen und verzeihen. Zu den Funktionen, die meinem Großvater ein für allemal übertragen waren, gehörte auch die Vorlesung aus der Thora an jedem Sabbath im Vormittagsgottesdienste. Dieses Ehrenamt hat er Jahrzehnte lang ununterbrochen inne gehabt. In dieser Art Vortrag besaß er eine unbestrittene Überlegenheit. Die Deutlichkeit seiner Aussprache, die kein Wort zu kurz kommen ließ, verbunden mit dem angenehmen Klang seiner Stimme, erleichterte dem Zuhörer ungemein das Verständnis. Als im hohen Alter sein Vortrag immer gedehnter wurde und die ohnehin lange Sidra sich dadurch noch mehr als nötig in die Länge zog, wagte man dennoch nicht, ihm dieses verjährte Vorrecht zu entziehen. So groß war der Respekt vor seiner Person.