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Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur · 1919-01-01 · 22 (1919) · p. Seite 127

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Journal
Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
Volume
22 (1919)
Article
Unsere Großväter
Date
1919-01-01
Page
Seite 127 (sequence 17)
Language
German
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— 127 — Die Strapazen der Postchaise ertrug sein kräftiger Körper mit Leichtigkeit. Aber auch in Leipzig selbst, wo die Meßgeschäste in ihrer ausschlaggebenden Wichtigkeit von aller Welt in Hast und Sorge, nur zu oft mit Verdruß vollzogen wurden, blieb er der unbekümmerte, in seiner unverwüstlichen Gemütsheiterkeit einzig dastehende Optimist, dessen Einkäufe auch immer so ausfielen, daß sie selbst meine Großmutter befriedigten, die doch als Verkäuferin der Waren gewiß eine kompetente und strenge Beurteilerin war. Die großen Fabrikanten auf der Leipziger Messe kamen, ihm nämlich mit besonderer respektvoller Rücksichtnahme entgegen und gewährten ihm freiwillig, was sie sich von andern Käufern um keinen Preis hätten abringen lassen. So fänd, um nur ein Beispiel anzuführen, der bekannte 'Fabrikant Liebermann, ein Original in seiner Art, der Großvater von Max Liebermann, ein solches Vergnügen an dem kindlich heiteren, vertrauensvollen Wesen meines Großvaters, daß er ihn trotz aller seiner Arbeit bei den Meßgeschäften, so oft es ihm nur irgend möglich war, aufsuchte und ihn immer nur persönlich bediente. In späteren Jahren, als jüngere, viel geschäftskundigere Kaufleute für uns diesen Einkauf auf den Messen in Kampf und Mühseligkeit besorgten, war, wie die Großmutter immer klagte, nicht mehr halb soviel Berocho an der Ware. Manchmal aber traf die Leipziger Messe gerade so, daß mein Großvater nach Schluß des Versöhnungstages noch an demselben Abend abreisen mußte. Als wir Enkel' ihm einmal in einem solchen Falle beim eiligen Einpacken behilflich waren, fragte ihn mein älterer Bruder, ob ihm die lange Reise so unmittelbar nach dem Fasttage nicht zu anstrengend sein werde. „Was", rief er, „Jomkippur ein Fasttag?! Nein, das ist doch kein Fasttag, da dauert doch höchstens die Schulzeit ein bißchen länger." Diese Antwort, die bei uns in der Familie zum geflügelten Wort geworden ist, charakterisiert ihn und seine Auffassung der Feste und des Jomkippur wie des ganzen Zeremonialgesetzes besser, als eS die längste Schilderung imstande wäre.

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