Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Unsere Großväter
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 126 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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126 "bte nahe „Alte Schul". Nach Beendigung des Gottesdienstes ging er aber etwa nicht nach Hause, sondern blieb oft bis gegen Mittag in dem dumpfen Raum, wo er mit einigen Kameraden aus dem Rabbinerstande „lernte" b. h. Talmud studierte und in seinem Eifer sich so sehr darin vertiefte, daß er an Essen und Trinken vollständig vergaß. Zu Hause, wenn er nicht gerade weiter studierte, übte er die Hand im deutsch schreiben und stilisieren. Seine Handschrift war sehr schön, wenn auch nach damaliger Art etwas verschnörkelt. Wir besitzen noch deutsche Gedichte von ihm, die er zu besonderen, auch patriotischen Gelegenheiten verfaßte und in überaus zierlicher Schrift niederschrieb. Dieses ruhige, beschauliche Leben erfuhr ober manche Unterbrechung, . so z. B., wenn ihm ehrenamtlich eine rabbinische Funktion übertragen ■ wurde. Am häufigsten kamen Angehörige, um ihmdas„Sandekous" zu übertragen, das sogenannte „Sitzen" bei Beschneidungen, d. i. das Halten des Kindes während der feierlichen Handlung. Fast ebenso häufig wurde ihm bei Trauungen eine der Berochaus übertragen, einer von den Segenssprüchen, die bei dem Trauungsakte gesprochen werden müssen. Eine jede solche Funktion war ihm hochwillkommen, er nahm sie stets wie ein kostbares Geschenk mit dankbarer Freude entgegen und ließ sich ihretwegen gern aus seiner Ruhe aufstören. Als hochbetagter Greis erlebte er noch die Freude, uns bei unserer Trauung den Segen zu erteilen, glücklich, neben mir, seiner ältesten Enkelin, einen jungen gelehrten Rabbiner als Bräutigam zu sehen. .Daß auch die glückliche Großmutter noch in voller Frische an dem feierlichen Akte teilnahm, machte seine Freude voll. Nur zweimal im Jahre mußte er sich gründlich von seinen Folianten trennen. Denn ihm oblag der Einkauf der Waren für unser Engrosgeschäft, und dagalt es, nach Leipzig zur Messe zu reisen. Damals war eine Meise von Posen nach Leipzig keine so einfache Sache wie heut in der Zeit der Eisenbahnen. Aber auch diese schwere, ihm doch eigentlich ganz fern liegende Aufgabe vermochte nicht, seine Stimmung zu trüben. Wenn es sein muß, warum sollte man es nicht mit Heiterkeit auf sich nehmen?