Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Unsere Großväter
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 125 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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_ 125 - aller Beschränket seiner Mittel mit seiner hohen schlanken Gestalt, dem feinen Kopse und der peinlich sorgfältigen Kleidung den Eindruck eines vornehmen Deutschen. Das kleine Dachzimmer, das er in Berlin mietete, teilte er mit einem Studenten der Medizin, der nachmals in Posen sein und unser Hausarzt wurde. Die beiden wurden Freunde für's Leben und tauschten später bis ins hohe Alter immer noch gern ihre. Erinnerungen an diese gemeinsam verlebten Jugendtage aus, wobei wir so manches aus dieser Zeit erfuhren. Mußte das Stübchen so manchen kalten Wintertag aus Mangel an Kohlen und Geld ungeheizt bleiben, so studierten sie Tags über im Bett und ließen sich als Mahlzeit ihren Laib Brot ins Bett bringen. Auf diesem wurde, bevor sie, ihn anschnitten, mit dem Messer genau angezeichnet, wie weit sie, an diesem Tage herunterschneiden und verzehren durften, um an den nächsten Tagen nicht hungern zu müssen. Als er sich in jungen Jahren mit meiner aus einem Posenschen Ghetto stammenden Großmutter verheiratete, war es stillschweigendes Übereinkommen zwischen den beiden Eheleuten, daß er bei seinem Studium bleiben und sie allein das Engrosgeschäft weiter wie bisher führen sollte. Und so blieb es bis an ihr Lebensende, und keinem der beiden kam je der Gedanke, daß es auch anders hätte sein können. Die ganze Persönlichkeit meines Großvaters in seiner naiven, wahrhaft kindlichen, heiteren Frömmigkeit war eine lebendige Widerlegung der von Jud und Christ so oft vorgebrachten Behauptung, daß die vielen, alle Momente des Lebens durchziehenden religiösen Vorschriften als schweres, drückendes Joch von den Juden empfunden werden, das keine Freude am Leben aufkommen läßt. Mein Großvater hat nicht nur, wie Tolstoi von sich sagt, das Joch freudig getragen, nein, er hat von einem Joche überhaupt nichts gewußt, vielmehr machten ihm gerade die religiösen Vorschriften das ganze Leben zu einem Fest. Der Tag begann für ihn sehr früh; denn er besuchte den Frühgottesdienst regelmäßig und machte vorher aufs umständlichste Toilette. Dann ging's ohne Frühstück in