Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Unsere Großväter
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 124 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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124 -erfahren haben. Namentlich wenn Mayer die Ghetto» jubett als gedrückt und verbittert schildert, während jene die ruhige Heiterkeit als charakteristisch für die Stimmung im Ghetto hervorheben. Da Mayer selber Kaufmann war, einer Familie von Kaufleuten entstammt und angehört und, wie er selbst bekennt, die Jeschiba, die hohe Talmudschule, nie selbst gesehen hatte, sondern nur vom Hörensagen kennt, so hat er sich auch in seiner Schrift nur die Aufgabe gestellt, ein Bild des Kaufmannsstandes und seiner Entwickelung zu entwerfen. Den anderen Teil über, die eigentliche Kerntruppe der Ghettojuden, hat er nur oberflächlich und flüchtig geschildert. Das Bild, das er von den Frauen des Ghetto gibt, ist hingegen treffend und warm empfunden. Das meiste, was er von ihnen erzählt, deckt sich mit dem, was in meinem weiter oben erwähnten Artikel „Unsere Großmütter" näher ausgeführt ist und zum Teil von meiner eignen Großmutter darin erzählt wird. Ich schöpfe daraus den Mut, hier auch meinen eignen Großvater näher zu schildern als Typus jener naiv glücklichen deutschen Juden, wie wir sie so ahnungslos vor Ausbruch des Antisemitismus haben dahinleben sehen. Wenn ich es hier versuchen will, eine Schilderung meines Großvaters zu geben, so beseelt mich dabei der Wunsch, einen kleinen Beitrag zur Charakteristik unserer Vorfahren zu liefern und jenen Typus festzuhalten, der verschwunden ist, um niemals wiederzukehren. Da wir Enkel mit ihm wie mit der Großmutter ein und denselben Hausstand bildeten, sind wir mit den kleinen Zügew seines gesegneten Lebens Wohl vertraut. Mein Großvater entstammte einem rein deutschen, in dem kleinen Städtchen Perleberg bei Potsdam gelegenen Ghetto und ist aus Cheder und Jeschiba als gelehrter Talmudift mit den höchsten Graden hervorgegangen. Beim Verlassen des Ghetto setzte er diese Studien in Berlin fort und besuchte daneben eine deutsche Schule, mn auch feine profane Bildung, zu der er im Ghetto schon einen guten Grund gelegt hatte, weiter zu führen. Er sprach damals schon das reinste Hochdeutsch und machte trotz