Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Unsere Großväter
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 123 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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128 Sie trugen den Ruhm der Wiener jüdischen Gemeinde bis in die fernsten Lande. So die Gemeindeschulen, die Blindenanstalt, die Altersversorgungsanstalt, die Volksküche, die Kleinkinderbewahranstalt und viele andere. Kein Kreis aber gewann außerhalb des Ghetto geistig mehr, als die kleine Zahl jüdischer Studenten, die schon im Ghetto zusammengetreten war und dort unter erschwerenden Umständen den verschiedenen Studien obgelegen hatte. Jetzt fiel die Decke, die im Ghetto unsichtbar auf ihnen gelastet hatte. Sie gewannen geistige Frische und Produktivität. Von berühmten Namen seien hier nur die Dichter und Schriftsteller Leopold Kompert, Hieronymus Lorm, Ludwig August Frankl, genannt. Viele ergriffen den journalistischen Beruf und machten bald den unbedeutenden Zeitungen, die Wien sowohl wie Budapest bis dahin aufzuweisen hatten, die wirksamste Konkurrenz. Das nachmals soviel gepriesene Feuilleton wurde zum erstenmal eingeführt und später durch Spitzer zu Ruhm und Ansehen erhoben. Das Format der Zeitungen wuchs unter ihrer emsigen Hand und mehr noch die Qualität des Inhalts, sodaß, wie wir alle es ja wissen, die Wiener und Budapester Zeitungen in vielen Stücken bis in unser Jahrhundert alle deutschen Zeitungen überflügelten. Daß zur selben Zeit die jungen Leute in Scharen in die ihnen solange verschlossene Universität strömten und in allen Fächern eifrig studierten, braucht wohl kaum gesagt zu werden. Wie sie sich später als Universitätslehrer und Professoren hervortaten, was sie als Arzte und Klinikleiter leisteten, ist noch jetzt in aller Erinnerung. War doch lange Zeit hindurch die Wiener medizinische Fakultät die berühmteste Europas, was zu einem nicht geringen Teil auf jüdische Größen auf diesem Gebiet zurückzuführen ist. Was unser Gewährsmann Sigmund Mayer zur allgemeinen Charakteristik der dem Ghetto entstammten Männer ausführt, dem können wir uns nicht unbedingt anschließen, und es widerspricht auch in der Hauptsachedem, was wir von Lazarus und Steinthal darüber