Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Journal
- Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur
- Volume
- 22 (1919)
- Article
- Unsere Großväter
- Date
- 1919-01-01
- Page
- Seite 122 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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jetzt. Frei in den Hauptstraßen konnten nun die Waren aus den Hinterhäusern aufgebaut werden. Zuerst nahm man passende Räume zur Miete; nach und nach wurden die Häuser von Juden erworben, noch prächtigere hinzugebaut, sodaß zuletzt Warenpalast an Warenpalast sichreihte. Es entfaltete sich mit erstaunlicher Raschheit eine Blüte, wie sie vorher Wien noch nicht gesehen hatte. Noch heute sehen wir in Wien eine Anzahl großer Firmen, Banken, Kreditinstitute, welche Namen von damals ausweisen, Namen, die zum großen Teil schon im Ghetto geglänzt haben wie Tedesco, Gutmann, Wertheimstein, Königswarter, . Hosfmannsthal, Oppenheim, Boschan, Biedermann, Springer, Figdor, Pollak u. v. a. Viele sind als mittellose junge Leute nach Wien oder Budapest gekommen, fanden in den vielen verschiedenen Zweigen Stellung und wurden zü reichen und angesehenen Leuten. In einer Beziehung brachten es die Wiener jüdischen Kaufleute weiter als ihre Berliner Glaubensgenossen. Sie wurden nicht nur Millionäre, nicht nur hoch angesehene Bürger, sondern sie wurden auch ■ geadelt, sie wurden Ritter und Barone. Viele von ihnen glaubten es ihrem jungen Adel schuldig zu sein, die Taufe zu nehmen und damit, so meinten sie, die letzte Schranke wegzuräumen, die sie noch gesellschaftlich von dem alten Adel trennte. Ob sie ihr Ziel erreichten, wird wohl in den meisten Fällen mehr als fraglich sein. Der größte Teil der Geadelten jedoch, das muß man zu ihrer Ehre hervorheben, blieb nicht nur seinem Glauben treu, sondern wirkte mit Hingebung für die jüdische Sache, ließ sich in den Gemeindevorstand wählen und entwickelte in demselben eine überaus segensreiche Tätigkeit. Die großartigen, noch heute blühenden Schulen, Anstalten und Wohlfahrtseinrichtungen verdanken ihr Entstehen der Initiative und mehr als fürstlichen Freigebigkeit dieser jüdischen Barone. Viele dieser Anstalten sind Musteranstalten geworden, die auch den anderen Konfessionen offen stehen und mit Vorliebe von denselben besucht werden.